Afghanistan: Ein Stück vom Kuchen - von Gudrun Harrer

19. November 2001, 18:56
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Afghanistan sieht heute wie nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus

Das Afghanistan der letzten Tage der Taliban-Ära sieht dem Afghanistan von 1989, beim Abzug der sowjetischen Truppen, ziemlich ähnlich, und das ist keine gute Nachricht. Das Machtvakuum in den von den Taliban verlassenen Städten wird schnell wieder aufgefüllt, fast durchgehend von denselben zweifelhaften Figuren, die vor ein paar Jahren vor den Taliban das Feld räumen mussten. In der englischsprachigen Presse ist durchgehend von wiedererrichteten Lehen (fiefdoms) die Rede, dieser Begriff erscheint angesichts der Tatsache, dass die Warlords ihre Macht keineswegs als bloß geliehen betrachten dürften, euphemistisch.

In Mazar-e Sharif hat sich der brutale Usbeke Dostum wieder etabliert; nach Herat ist der ehemalige Gouverneur, Ismael Khan, zurückgekehrt; in Jalalabad ist Abdul Qadir, einer der wenigen Paschtunen in der Nordallianz und deshalb eine für die Zukunft interessante Persönlichkeit, wieder eingesetzt worden, hier immerhin nach einer Ältestenversammlung. In Kabul ist wieder Präsident Rabbani eingezogen, dem die schiitischen Hazara so wenig trauen, dass sie sofort Milizen zum Schutz ihrer Gruppe in die Hauptstadt entsandten. In Kandahar wartet der korrupte Mullah Naqib, der 1994 die Stadt den Taliban übergab und seitdem beste Beziehungen zu ihnen pflegt, auf eine neue Chance. Am erschreckendsten ist die kolportierte Rückkehr von Gulbuddin Hekmatyar, der sich in der Provinz Logar bei Kabul eine neue Basis zu schaffen versucht und deshalb wieder ein Machtfaktor werden könnte.

Tatsächlich hat sogar dieser Rückfall in die Zeit des politischen Tribalismus, der nie überwunden, sondern durch die Vorherrschaft der paschtunischen Taliban nur zugedeckt war, auch einen positiven Aspekt: Er verhinderte das Ausbrechen des Chaos, eine Ordnungsmacht - die jedoch selbst von niemandem davon abgehalten wurde, ihre eigenen Rechnungen zu begleichen - war vorhanden. So bescheiden muss man sein, was Afghanistan betrifft, denn das, was jetzt wirklich nötig wäre - einen Polizisten an jede Ecke zu stellen -, geht eben nicht und ist gar nicht erwünscht: Dies wurde erstmals deutlich klar, als die Nordallianz die Präsenz von britischen Truppen in Bagram kritisierte. Da der Flughafen Bagram ein entscheidendes Verteilungszentrum für Hilfslieferungen ist, unterstellt man nichts Abenteuerliches, wenn man sagt, dass es wieder einmal nur um die Verteilung der Beute geht.

Die große Frage ist jetzt nicht, wo die geplante Afghanistan-Konferenz stattfinden wird - favorisiert dürfte der klassische Ort für Afghanistan-Konferenzen, Genf, sein -, sondern wer eine Einladung dazu erhalten wird. Die westliche Diplomatie wird dafür sorgen, dass nicht nur Warlords, sondern auch Vertreter von afghanischen Parteien, die sich nicht unbedingt nur kriegerisch profilierten - wie die antiislamistische Nationale Befreiungsfront Afghanistans von Sibghatullah Mudjaddedi - oder die Scheichs der alten islamischen Orden und die verwaisten Paschtunen hinzugezogen werden. Ebenso wird es keine haltbare Lösung ohne Pakistan, Iran - ein harter Brocken für die USA - und die Zentralasiaten, allen voran Usbekistan, geben.

Nicht erst die Verhandlungen, die Beschickung der Konferenz wird auch der erste politische Test für die Nordallianz sein, deren Daseinszweck als Bündnis mit der Vertreibung der Taliban zu existieren aufhören wird. Um ihre Delegation von sechzig (!) Leuten für Verhandlungen mit dem Exkönig Zahir Shah zusammenzustellen, brauchte sie einen Monat.

Für ihre Fraktionen stellt sich die Sache ziemlich klar dar: Wer sich noch schnell ins Spiel bringen kann, bekommt einen Platz am Tisch und damit auch ein Stück vom Kuchen. Dass dieses Kuchenstück nicht auf gut Afghanisch aus der autonomen Herrschaft über ein Territorium, sondern aus Anteilen an den zu schaffenden afghanischen Institutionen bestehen wird, dürfte manchen Herren aber nur schwer in den Kopf gehen. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 20.11.2001)

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