Es ist ein Schnitter, der heißt Scham . . .

19. November 2001, 18:46
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Kräftiges Lebenszeichen der Münchner Kammerspiele: Euripides' "Alkestis"

Mit einer verblüffenden Neudeutung von Euripides' "Alkestis" (Regie: Jossi Wieler) geben die Münchner Kammerspiele trotz Umbau ein kräftiges Lebenszeichen: Intendant Frank Baumbauer führt seinen Hamburger Erfolgskurs unbeirrt fort.

von Ronald Pohl aus München


Mit dem Tod, den die launenhaften Götter über den Thessalier Admetos verhängen, hat es eine eigenartige Bewandtnis. Keinen Geringeren als den Gott Apoll führt der Dramatiker Euripides gleich zu Anfang seiner nicht regelkonform gearbeiteten Tragödie "Alkestis" als Fürsprecher ins Treffen, um dem Admetos das beste Leumundszeugnis auszustellen. Was, bei den Göttern, hat der arme Mann verbrochen, dass ihn das Todeslos so unvorbereitet trifft?

Admetos ist nämlich ein wahrer Glückspilz von Kerl. Er nährt sein Vieh auf fetter Weide, ist ein guter Gastgeber, nennt eine liebe Frau sein Eigen, und doch muss sich Admetos, einer ungenannt bleibenden Verfehlung wegen, schnurstracks in die Unterwelt verfügen - es sei denn, ein familiär Nahestehender tauscht mit ihm den Platz.

So auf Rache erpicht ist nämlich kein Gott, als dass er nicht mit sich handeln ließe. Die Leiblichkeit gilt ihm zwar viel, doch der personale Inhaber des verpfändeten Leibs skandalös wenig. So ist die "Alkestis", dieses Opferstück aus dem spätantiken Dramenjahr 438 vor Christus, ein Skandal, der die Eheverhältnisse aufs Korn nimmt, wo er "Götter" sagt, und die kalte Wut zum Sieden bringt, wo er einen ausgekühlten Leichnam frömmelnd zu Grabe trägt.

Der hingeopferte Leib aber gehört der Alkestis. In den Münchner Kammerspielen, wo der Schweizer Jossi Wieler Neointendant Frank Baumbauer zum ersten verblüffenden Großerfolg verhilft, einer hoch gewachsenen Dame im langen Schwarzen (Nina Kunzendorf), die zwischen Clubfauteuils in einer rothölzernen Teakwandhölle die Tränen der Kinder trocknet und dem halbwüchsigen Sohn den verkehrt herum angezogenen Pullover treuherzig richtet.

Ein Opfer aus Marmor

Kunzendorf spielt ihr Untergehen, als sei sie aus Marmor; griechische Statuen vergießen keine Tränen. Sie taumeln vielmehr hinein in die verzückteste, entrückteste Erstarrung der Glieder, das traute Gattinnenopfer vollziehend, an dem sich die umsitzende Familie weidet mit Buttercroissants und Kaffee.

Zum Tod bettet sich die schöne Unnahbare wie eine Nymphe zum antiken Ergötzungsschlaf. Alkestis aber ist ein schönes Zitat, vielleicht aus Schwabs "Göttersagen" mit dem Federmesser herausgetrennt. Dergleichen falten die Großbürger dann zu Papierschiffchen zusammen.

In der Halle 1 des neuen Kammerspiele-Gebäudes in Münchens Falckenbergstraße tritt an die Stelle der Trauer auf leisen Strumpfsohlen als ungebetener Gast die Scham. Seit der Tod nämlich ein personales Verhängnis geworden ist, dessen man sich mit jäher, panischer Abwehr entsinnt, fällt auf den absehbar Sterbenden das Licht eines unüberwindlichen Makels.

Wieler überbrückt nun in genialer Weise nicht den zeitlichen Abstand zum Mythos. Er führt bloß neu aus, was an ihm die Zumutung darstellt.

Er stellt die zweckrationale Einrichtung der Welt nach, die, neben dem Geld, auf der Ansammlung guter Sitten beruht. Also tritt an die Stelle des Chors ein Familienverband, dessen einzelne Mitglieder sich in ihre Trauerkostüme nachlässig zwängen; die Zeit bis zur Grablegung müßig versitzen, hinter ihren Zeitungen sich ducken, vor flackernden TV-Schirmen Zuflucht suchen, dem Tod zigarettenqualmend nachsinnen: Das Sterben, scheint's, geht immer nur die anderen was an. Und hinter dieser wohligen Gewissheit schlummert in Nachgöttertagen: das Nichts, die lange Weile.
Admetos (Michael Wittenborn) kleidet sein Wehklagen um Alkestis in einen jammerläppischen Ton, nahe am Gefühlsüberschnappen. Nichts entsühnt seine Feigheit; aber hinter Wittenborns butterweicher Fassade, vom Freizeitpullover notdürftig versteckt, nistet auch die kleine Figur eines Vaters, der absehbar zum Patriarchen nichts taugt und als Krisenmanager, der von Freund Herakles (Hannes Hellmann) überschwänglich heimgesucht wird, einzig beim Whiskey-Saufen die Memme als Mann stellt.
Herakles im Schafwollpulli verschmiert viel Schlamm in der Gruftstube. Er setzt sich splitternackt ins Terrarium und flirtet rotweinsaufend mit der halbwüchsigen Tochter. Am Schluss bringt er Alkestis ungefragt ins Haus zurück: Wer hat so viel Glück jemals verdient? Die Ehe jedenfalls ist zerrüttet, die Großmutter (Hildegard Schmahl) lacht hysterisch, Alkestis' Sohn erleidet einen Tränensturz. Eine Gespenstersonate, mit Krähenschreien und Gänsefüßen: "Alkestis" als Zitat.
Götterfrust und Menschenleid: klein gemahlen an einem großen Abend.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.11. 2001)

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