Akustische Machtspiele und die Poesie der Vieldeutigkeit

19. November 2001, 23:23
posten

Werke von Georges Aperghis beim Festival Wien Modern

von Ljubisa Tosic


Wien - "Ka, ka, ka - rrrrrrrrrr!", und dann noch einmal mit Gefühl: "Ka, ka, ka - rrrrrrrrrr!!!" Eine Frauenstimme überschlägt sich, steigert sich zur Exaltiertheit und agiert dabei in jenem Bereich, wo Sprechen und Singen einander gute Nacht sagen, voneinander kaum noch exakt zu unterscheiden sind.

Georges Aperghis, aus Griechenland stammender französischer Tonsetzer - hierzulande nicht sonderlich bekannt, dem Festival Wien Modern dankenswerterweise aber einen kleinen Schwerpunkt wert - ist ein komponierender Advokat dieses Zwischenbereiches Sprechgesang. Seine "Récitations" für Solostimme sind dadaistisch anmutende Stimmetüden, allerdings frei von jeglicher Sterilität. Der Reiz dieser Sprachkomposition lebt von einem irgendwie doch waltenden Ausdruck, der mit Silben transportiert wird.

Begrifflicher Sinn schimmert durch, aber es ist ein emotionaler Sinn, der sich in der Hauptsache vermittelt. Es sind Geschichten, die man nicht nacherzählen kann. Aber zweifellos sind es Geschichten, die man hören kann. Voller Poesie und Slapstick-Flair. Auch auf "Machinations", dem Musiktheater für Stimme, Liveelektronik und Videoprojektionen, lässt sich diese Behauptung anwenden: Vier Frauen (Sylvie Levesque, Donatienne Michel-Dansac, Sylvie Sacoun und Genevieve Strosser) sitzen im Wiener Odeon frontal zum Publikum und produzieren eine witzige, abstrakte Polyphonie der Phoneme.

Hinter jeder "Sprechsängerin" ist ein Videomonitor postiert, auf dem man das von Minikameras aufgenommene händische Spiel der Frauen mit Objekten (Baumblätter, Steine, Sand und Muscheln) sehen kann. Von Aperghis eingeplant ist aber auch eine gewisse Irritation:

Manipulierte Stimme

Rechts von den Frauen sitzt ein Mann am Computer (Olivier Pasquet) und manipuliert die Äußerungen der Damen. Zweifellos gegen ihren Willen. Wie Menschenpuppen wirken sie dann: Durch die Machtposition des eingreifenden Computerherrn wird Hilflosigkeit gegenüber der Technik produziert. Akustische Machtspiele sind das.

Allein, auch hier keine Sterilität, vielmehr ein eigenartiger Zauber. Es entsteht ein abstraktes und schlüssiges Musiktheater, das durch die Vieldeutigkeit der Sprachpartikel zum offenen Kunstwerk mutiert, dessen Spannung auch durch die Verschmelzung von Bild, Klang und Darstellung entsteht. Endlich ein gelungener Versuch, das Wien-Modern-Thema "Visualisierung von Musik" umzusetzen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.11. 2001)

Wien Modern
heute im Konzerthaus:Neue Vokalisten Stuttgart mit Werken von Aperghis, Niedler, Haubenstock-Ramati, Logothetis und Brown
20 Uhr
Share if you care.