Tötung auf Verlangen?

19. November 2001, 12:47
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In Holland wurde die aktive Sterbehilfe kürzlich legalisiert. Nach einer Umfrage befürworten nur 27 Prozent der Österreicher die Tötung auf Verlangen. Palliativmedizinerin Prim. DDr. Marina Kojer vom Geriatriezentrum Wienerwald erklärt im Interview mit mymed.cc, was sie unter menschenwürdigem Sterben versteht.

Das Interview führte Doris Simhofer

mymed: Frau Primaria, welche Möglichkeiten gibt es, alten und schwerkranken Menschen ein "friedliches" oder "zufriedenes" Sterben zu gewähren?

Kojer: Jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod. Auch mit der bestmöglichen Betreuung können wir letztendlich nicht bestimmen, wie das Ende sein wird. Ärzte können viel dazu beitragen, um die Umstände rund um das Sterben mitzugestalten und ein lebenswertes Sterben - denn der Tod ist ja ein Teil des Lebens - zu ermöglichen.

mymed: Welche Rahmenbedingungen kann ein Arzt für ein lebenswertes Sterben schaffen?

Kojer: Für alte Menschen ist immer eine ganzheitliche Betreuung wichtig. Kompetente ärztliche und pflegerische Leistungen genügen dafür nicht. Diese Form der Betreuung muss all am Krankenbett tätigen Berufsgruppen und das ganze Umfeld des todesnahen Menschen mit einbeziehen. Damit sich der alte Mensch in seinem letzten Lebensabschnitt wohlfühlt, sollten immer auch seine Angehörigen mitbetreut werden. Häufig sind es nicht die körperlichen Schmerzen, sondern die seelischen, die dem Patienten am meisten zu schaffen machen. Wichtig ist es deshalb, eine tragfähige Kommunikationsbasis zwischen Arzt und Patienten zu schaffen. Hauptziel dabei ist es, das Vertrauen des Patienten zu gewinnen, denn nur so kann der Arzt erkennen, wo seine Schmerzen, Beschwerden und Wünsche liegen.

mymed: Wäre es in manchen Fällen nicht menschlicher, das Leid eines unheilbar Kranken nicht mehr zu verlängern?

Kojer: Solange die Möglichkeiten der Palliative Care nicht ausgeschöpft sind, braucht darüber noch nicht diskutiert zu werden. Man kann dieses heikle Thema nicht plakativ abhandeln. Aktive Sterbehilfe mag in einigen eher seltenen Einzelfällen ein Ausweg sein. Die große Gefahr dabei ist jedoch, dass wir in keiner perfekten Gesellschaft leben. Aus dem Recht des "Sterbendürfens" kann auf Grund gesellschaftlichen Drucks sehr rasch die Pflicht zum "Sterbenmüssen" werden, vor allem wenn man die Überalterung unserer Gesellschaft bedenkt. Ich halte die Diskussion derzeit für unverantwortlich. Wir sollten viel eher darüber nachdenken, was zu tun wäre, um Palliative Care allen Schwerkranken und Sterbenden verfügbar zu machen. Wir haben heute die medizinische und wissenschaftliche Kompetenz um ein menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen.

mymed: Wer befürwortet eigentlich die aktive Sterbehilfe in unserer Gesellschaft?

Kojer: Die Befürworter sind zum Teil junge Menschen, die selbst kaum mit dem Tod konfrontiert waren und wenig über ihr eigenes Sterben nachgedacht haben. Ein anderer Teil sind jene Angehörigen, die Zeugen des langen, schmerzerfüllten und qualvollen Sterben eines lieben Menschen geworden sind und diese leidvolle Erfahrung nicht wiederholen wollen.

mymed: Werden die Möglichkeiten der Palliativmedizin wirklich immer ausgeschöpft?

Kojer: Leider nein. In diesem Bereich gibt es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Angefangen von der oft unzureichenden menschlichen Kompetenz der Betreuer über ungenügende Schmerztherapie und mangelhafte oder fehlende Behandlung quälender körperlicher und seelischer Symptome bis hin zu einer menschenunwürdigen Wohnqualität, gibt es hier noch viele Defizite. Mehrbettzimmer sind für Schwerkranke und todesnahe alte Menschen weniger beängstigend als die Einsamkeit im Einzelzimmer. Vor allem demente Hochbetagte haben große Angst, wenn sie allein sein müssen. Das andere Extrem ist die Unterbringung in Achtbett-Zimmern, ohne die geringste Möglichkeit für Intimsphäre. Das sollte heute niemandem mehr zugemutet werden.

mymed: Wie kann sich ein Schwerkranker, der mit Schmerzmitteln therapiert wird, für das Leben entscheiden?

Kojer: Alte Menschen vertragen Opioide sehr gut, denn Opioide haben keine organischen Nebenwirkungen. Entscheidend ist die richtige Präparatwahl und die richtige Dosierung. Eine zu hohe Dosis macht den Patienten müde. In der allerletzten Lebensphase erhält der Patient bereits, wenn der Verdacht auf Schmerzen besteht, eine adäquate Schmerztherapie. Kein Mensch soll mit Schmerzen sterben müssen, weil niemand daran gedacht hat, dass er Schmerzen haben könnte.

mymed: Über wie viel Selbstbestimmung verfügt ein sterbender Patient?

Kojer: Wir können uns in den letzten Tagen und Stunden oft nur mehr an seiner Körpersprache orientieren, und versuchen so gut es geht nonverbal mit ihm zu kommunizieren. Unsere Botschaft an ihn lautet: "Ich bin für dich da, darf ich dir helfen?"

mymed: Frau Primaria, wir danken für das Gespräch.



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
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