Der Herr Musik-"Diräktohr" aus dem Skt. Adolf-Wald

19. November 2001, 12:36
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Wölfli-Performance im Kasino am Schwarzenbergplatz

Wien - Er nannte sich "Skt. Adolf II.", Herrscher über die von ihm erschaffene "St. Adolf=Riesen=Schöpfung", die er auf gigantischen 25.000 Seiten als Gesamtkunstwerk aus Text, Bild und Musik festgehalten und gefeiert hat: Adolf Wölfli (1864-1930), einem der bedeutendsten und faszinierendsten Art Brut-Künstler der Schweiz, widmet das Festival Wien Modern heuer einen Schwerpunkt. In Zusammenarbeit mit dem Burgtheater gaben am Sonntag Wolfram Berger und Jon Sass im Kasino am Schwarzenbergplatz ein Text-Konzert unter dem Titel "0 Grad 0 /000: Entbrantt von Liebes, =Flammen". Weitere Vorstellung am Donnerstag (22.11.).

Stilisierung als Heiliger und Märtyrer

Eigentlich eine schreckliche Geschichte: Als jüngstes von sieben Kindern in ärmsten Verhältnissen auf dem Land geboren, vom trinkenden Vater verlassen, mit acht von der Mutter getrennt und brutalen Leuten zur Aufzucht und Arbeit überantwortet, Tagelöhner, mit 16 wegen zweimaliger versuchter Notzucht mit minderjährigen Mädchen für zwei Jahre eingesperrt, nach der Haftentlassung Rückfall, Einweisung in die Irrenanstalt, wo er mit der Diagnose Schizophrenie 35 Jahre lang bis zu seinem Tod verwahrt bleibt. Ist es ein Wunder, dass Wölfli sich als Heiliger und Märtyrer stilisiert hat?

Zuhause im Skt. Adolf=Wald

Aber er ging noch weiter. Wölfli dichtete seine bedrückende Biografie schlicht um in ein abenteuer- und glorreiches Unternehmen mit utopischer Zukunft. In seinen Schriften bereiste er die ganze Welt, ja den ganzen Kosmos, kaufte sämtliche eroberte Gebiete mit dem "Skt. Adolf=Kapital=Vermögen" auf und benannte sie um: Die Schweiz wurde zu "Skt. Adolf=Wald", der Ozean zu "Skt. Adolf=Ozean", Afrika zu "Skt. Adolf=Süd". Er erfand sich eine eigene Mythologie und erweiterte das Zahlensystem bis zur neuen höchsten Zahl "Zohrn". Seine Texte illustrierte er mit großformatigen Blei- und Buntstiftzeichungen, in die wiederum Text und Musiknotationen integriert sind.

"Ehbjä" oder "eh bien"

Wölfli fand noch zu Lebzeiten künstlerische Anerkennung, und er verstand sich auch selbst als Künstler. Als solcher, als selbstbewusster Schöpfer seines "Lebenswerks", wird er auch in Bergers Performance lebendig, wenn er doziert, immer wieder unterbrochen von "Ebjä" (für das französische "Eh bien"), sich steigernd in kindliche Begeisterung über das gelungene Geschaffene. Die mitunter schwer zugänglichen Texte - der selbsternannte "Musik=Diräktohr" verwendete immer wieder auch Schweizerdeutsch und lautmalerische Eigenschöpfungen - macht der Schauspieler durch rhythmische Betonung und schweizerischem Akzent direkt als Klangkunst erlebbar und verständlich. Jon Sass improvisiert dazu auf der Tuba und spielt Wölflis heitere- volkstümliche Melodien.(APA)

"0 Grad 0 /000: Entbrantt von Liebes, =Flammen"
Text- Konzert zu Adolf Wölfli
mit Wolfram Berger und Jon Sass
Idee & Organisation:
Stephan Müller

noch am 22.11.,
20:30 Uhr
Kasino am Schwarzenbergplatz


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