Internationale Zeitungen zur Machtübernahme in Kabul

19. November 2001, 10:46
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"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Burhanuddin Rabbani gilt bis heute als der legale Präsident des afghanischen Volkes und auch als der Führer der Nordallianz. Noch vor einer Woche hatten westliche Staaten die Nordallianz eindringlich vor einem Durchmarsch bis Kabul gewarnt. (...) Nun ist Kabul genommen, und wenige Tage später hat sich auch Rabbani in der Hauptstadt niedergelassen. Er wollte so bald wie möglich mit der Bildung einer ethnisch vielfältigen Regierung beginnen, ließ er sogleich wissen. Ob er das wirklich tut oder seinen Machtanspruch vorerst mit konzilianten Vorschlägen kaschiert, lässt sich schwer abschätzen. Auf jeden Fall ist die internationale Gemeinschaft dadurch unter Druck geraten."

Die spanische linksliberale Zeitung "El Pais":

"Das Problem der USA und der Vereinten Nationen besteht jetzt darin, in Kabul eine pro-westliche Regierung zu installieren. Die wenig ermutigende Alternative wäre ein Afghanistan, das von Kriegsherren und Stammesfürsten beherrscht wird, die an einer Bekämpfung des islamischen Terrors nicht interessiert sind. Die Nordallianz zeichnet sich wie die Taliban durch einen ausgeprägten Tribalismus aus und ist eigentlich nur zufällig ein Verbündeter des Westens. Für die UNO wird es nicht leicht sein, eine afghanische Regierung zusammenzustellen, die die Überreste der Taliban bekämpft und mit dem Westen kooperiert. Amerikaner und Briten haben noch längst nicht gewonnen; denn auch die Ergreifung von Osama Bin Laden steht noch aus. In Afghanistan gingen die Rechnungen von Großmächten noch nie ganz auf."

Die italienische linksliberale Zeitung "La Repubblica":

"Während sich die Schlinge um Bin Laden immer enger zusammenzieht, es in Kandahar immer noch Kämpfe gibt und das, was in der letzten Taliban-Hochburg von Kundus geschieht, ein Blutbad vorausahnen lässt, beeilt sich die UNO bei ihrer Suche nach einer Einigung zwischen den verschiedenen afghanischen Kriegsherren, die schon damit begonnen haben, das Land unter sich aufzuteilen. (...) Die Nordallianz ist nach wie vor das Hauptproblem, dem die Vereinten Nationen gegenüberstehen."

Die italienische rechtsliberale Zeitung "Il Messaggero":

"Tausende Berge und zehntausende afghanische Höhlen genügen jetzt nicht mehr, um Bin Laden zu schützen. Die Schlinge zieht sich immer enger, nach den Wochen wilder Spekulationen über seine Verstecke, über seine Krankheiten, über seine Flucht in befreundete Länder, über die Leibwache aus Arabern, die bereit seien, für ihn zu sterben. Die militärische Operation in Afghanistan kehrt nunmehr zu ihrem eigentlichen Ziel zurück, das an ihrem Anfang gestanden ist: Den Chef des El-Kaida-Terrornetzes zu fangen." (APA)

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