Wenn der Herbst ganz traurig macht

19. November 2001, 08:20
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Mindestens fünf Prozent der Menschen leiden an Herbstdepressionen - Lichttherapie gegen Blackout der Seele

Wien - Wenn der Herbst ganz traurig macht: Mindestens fünf Prozent der Österreicher leiden in der dunklen Jahreszeit an Depressionen. 17 Prozent sind weniger stark betroffen. Diese "saisonabhängige" Traurigkeit stellt somit für viele Menschen ein jährlich wiederkehrendes Problem dar. Hilfe ist vorhanden: Lichttherapie oder moderne Antidepressiva. "Je weiter man auf dem Erdball nördlich kommt, desto häufiger wird die Herbst- und Winterdepression. Das haben Studien in den USA und in Japan eindeutig ergeben. Manche Betroffene beginnen daran bereits mit Anfang September zu leiden. Wirklich relevant wird das dann im Oktober und November", erklärte Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien (AKH).

"Blackout der Seele"

Im Vergleich zu anderen Formen depressiver Zustände weist die Herbst- und Winderdepression einige Spezifika auf:

- Klar: Das saisonal gehäufte Auftreten.

- Am Morgen sind die Betroffenen noch "gut drauf", je länger der Tag ist, desto schlechter geht es den Patienten. Am Abend heißt es dann: "Ich kann nicht mehr."

- Während Patienten, die an anderen Formen von Depressionen leiden, als Hauptsymptom auch Schlafstörungen haben, sind die Betroffenen der Herbst- und Winterdepression kaum "schlaflos". Doch sie wachen oft in der Früh auf - und sind einfach trotz genug Schlaf nicht "munter".

- Menschen mit Herbst- und Winterdepressionen können auch an Heißhungerattacken leiden.

Lichttherapie Jedenfalls sollten Betroffene Hilfe beim Arzt suchen. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es im Rahmen der Herbst- und Winterdepression zu einer Verringerung der Konzentration an Serotonin im Gehirn kommt. Kasper: "Wir haben das erst vor kurzem in einer Studie unter Verwendung der der SPECT-Methode (Single Photon Emission Tomography) sogar bildlich sichtbar machen können." In der Behandlung hat sich in den vergangenen Jahren die Lichttherapie gut etabliert. Der Wiener Experte, der ehemals federführend bei der Erforschung dieser Behandlungsart engagiert war: "Dabei sitzt man vor einer speziellen Lichtbank. Bei einer Lichtstärke von 10.000 Lux genügt pro Tag eine halbe Stunde, bei 3.000 Lux sind es 2,5 Stunden. Die Lichttherapie wirkt über die Retina (Netzhaut, Anm.). Der Effekt tritt schneller als bei der medikamentösen Therapie ein. Er zeigt sich schon nach rund drei Tagen." Ist eine Lichttherapie nicht wirksam oder nicht praktikabel, helfen moderne Antidepressiva: so genannte Serotonin-Reuptake-Hemmer oder Substanzen, die sowohl auf den Noradrenalin- als auch auf den Serotonin-Stoffwechsel im Gehirn wirken. Der "Blackout der Seele" in der dunklen Jahreszeit muss also nicht als Schicksal hingenommen werden. (APA)

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