"Grünes Licht für die Forschung!"
EU-Agrar-Kommissar Franz Fischler

19. November 2001, 20:55
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Ich habe noch in der Mittelschule, allerdings leider im Religionsunterricht, gelernt, dass es undenkbar sei das menschliche Genom zu dekodieren. Heute, nachdem wir das geschafft haben, stehen wir vor mehr neuen Fragen als zuvor und es entsteht in der Gesellschaft ein Gefühl von Hilflosigkeit, des Ausgeliefert sein und des Misstrauens. Wissenschaftler wurden als Zauberlehrlinge denunziert, von "Frankensteinfood" ist die Rede und Gurus genießen zum Teil mehr Vertrauen als nüchterne Analytiker. Wie ist es zu diesem Vertrauensverlust gekommen?

Bleiben wir in der Landwirtschaft. Wie viel Predigten über den technischen Fortschritt habe ich mir während der Studienzeit angehört. Man hat sogar versucht mit Begriffen verschiedene Formen der Landwirtschaft gegeneinander auszuspielen. Etwa wenn von der naturwissenschaftlich fortschrittlichen Landwirtschaft versus der biologischen Landwirtschaft die Rede war. Vor lauter Euphorie hat man wohl eine umfassende Folgenabschätzung der chemischen, biologischen und technischen Erkenntnisse zu spät oder auch ungenügend wahrgenommen. Und heute sind die drei Buchstaben BSE zum Modellfall und vielen zum Beweis der Fehler der Vergangenheit geworden.

Welche Schlüsse können wir daraus ziehen?

1. Wir brauchen noch mehr Professionalität. Das betrifft selbstverständlich die Wahl der wissenschaftlichen Methoden, wie auch die fachspezifische Weiterentwicklung. 2. Wir brauchen den wissenschaftlichen Dialog und die wissenschaftliche Auseinandersetzung. Wir alle wissen, dass der Typ des Wissenschaftlers, der mit seiner dicken Nickelbrille auf der Nase einsam in seinem Studierzimmer, das von Büchern überquillt, sitzt und auf diese Weise Wissenschaft betreibt, längst ausgedient hat.

3. Es genügt heute nicht mehr auf der wissenschaftlichen Ebene neue Technologien nur im Labor Maßstab zu entwickeln.

4. Wir brauchen die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Wir haben ein großes Kommunikationsproblem, das wir lösen müssen. Die Wissenschaftler dürfen sich nicht mehr länger darauf ausreden, dass die Bevölkerung die Komplexität eines Themas ohnehin nicht versteht oder kein Interesse an den Ergebnissen der Wissenschaft hat. Beispiele wie die Dokumentation "Universum" in Österreich oder internationale Zeitschriften wie Geo zeigen uns, dass die Bürger sehr wohl an der Wissenschaft interessiert sind, wenn sie nur allgemein verständlich aufbereitet wird. Wir dürfen den Dialog mit der Bevölkerung nicht dem Boulevard überlassen.

Böse Gentechnik?

Es darf uns nicht weiter wundern, wenn der Wissensstand der meisten Österreicher über Themen wie die Gentechnologie, sehr mangelhaft ist, wenn sie die Informationen nur aus populistischen Zeitungsmeldungen beziehen können. Das Ergebnis lässt sich dann wie folgt zusammenfassen: Genfrei - was auch immer das sein mag - ist gut, Gentechnik ist böse. Ich kann Sie nur dazu einladen, den Dialog mit der Gesellschaft zu suchen.

Universitäten sind neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit und der Lehre zugleich eine zentrale Serviceeinrichtung geworden (Punjab). Das hat aber auch zur Konsequenz den Bürgern die Möglichkeit zu geben, Wissenschaft veranschaulicht zu bekommen. Für eine Imponiersprache, wie sie die deutschsprachige Wissenschaft lange praktiziert hat, ist in einer offenen Gesellschaft kein Platz mehr!

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht hier nicht darum, gesellschaftliche Verantwortung von der Politik auf die Wissenschaft abzuschieben. Es braucht aber auch die Wissenschaft eine aktive Öffentlichkeitsarbeit, es braucht Transparenz: Tage der offenen Tür; Wissenschaftliche Datenbanken im Internet; die Organisation von Kursen für die breite Öffentlichkeit; Homepages u.v.a.

5. Forschung und Wissenschaft - das bedeutet stets, Neuland zu betreten, an Grenzen der Erkenntnisse zu stoßen und diese auch zu überschreiten. Es gibt aber auch Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Da taucht das Prinzip der Prävention auf. Es bedeutet, von Maßnahmen Abstand zu nehmen, die ethisch nicht vertretbar sind und ein unkalkulierbares Risiko darstellen. Hier bleibt auch eine Kompetenz der Politik bestehen, als Repräsentant des demokratischen Mehrheitswillens, Rahmenbedingungen vorzugeben. Aber auch diese Rahmenbedingungen brauchen wiederum eine solide wissenschaftliche Beurteilung. So müssen etwa Chancen und Risiken ins richtige Verhältnis gebracht werden. Das bedeutet auch in der Wahl der Mittel die Verpflichtung den maximal möglichen wissenschaftlichen Freiraum zu erhalten. Hier steht Risikobeurteilung versus Risikomanagment.

6. Um im internationalen "Konzert mitspielen" zu können, ist es notwendig, dass die Universitäten das zurückerobern, was sie schon vor Jahrhunderten gehabt haben: Internationalität in Zugang und Sprache.

Ich begrüße es daher, dass die BOKU gemeinsam mit den fachverwandten Universitäten in Wageningen, Kopenhagen, Uppsala, Hohenheim und Aberdeen eine "Euro-Liga" gegründet hat. Ich wünsche Ihnen, dass daraus früher oder später die Champions-Liga wird. Spielentscheidend werden unter anderem die möglichen Antworten auf folgende Fragen sein:

Wie sieht es mit der Publikationstätigkeit vorzugsweise in führenden internationalen Fachzeitschriften aus? Wie sieht es mit der aktiven Teilnahme an wissenschaftlichen Kongressen aus? Wie ist es um die Mobilität der Wissenschaftler bestellt, gibt es einen regen Austausch mit ausländischen Forschungsinstitutionen? Wie mobil sind die Studenten?

Die Ergebnisse sind aber kein Beauty-contest, sondern Ansporn zu neuen Leistungen und auch Referenz für potentielle Auftraggeber aus der Wirtschaft und Rechtfertigung für öffentliche Mittel.

Für private Unternehmen ist der Wettbewerbsgedanke bei der Forschungsvergabe auch insofern nahe liegend, als ihre Frage nicht ist, wer eine Untersuchung durchführt, sondern zu welchen Bedingungen können die vereinbarten Ergebnisse geliefert werden. Wettbewerbsentscheidungen sind keine moralischen Wertungen. Warum sollte nicht auch die Vergabe von öffentlichen Geldern nach Wettbewerbsgesichtspunkten erfolgen?

Warum sollten nicht die Ergebnisse von Evaluierungen als Grundlage für die Budgetentscheidungen in der Forschungsförderung zumindest mit herangezogen werden? Wichtig wäre dabei aber auch, dass nicht nur die Universitäten in eine solche Leistungskontrolle einbezogen werden, sondern alle Forschungseinrichtungen, auch die öffentlichen Forschungsanstalten.

Wir haben die Wahl

Das allgemeine EU Forschungsprogramm für die Jahre 2002 - 2006 ist mit über 17,5 Milliarden (rund 241 Mrd. Schilling) eines der weltweit größten Forschungsprogramme. Diese Mittel sollen dazu beitragen, dass wir bei den internationalen Entwicklungen eine führende Rolle übernehmen können.

Das gilt auch für die Landwirtschaft. Auch da können wir unsere Visionen und Überzeugungen von einer zukunftsorientierten, nachhaltigen und multifunktionellen Landwirtschaft nur verwirklichen, wenn wir nicht auf passives Abwarten oder gar die unbedingte Ablehnung neuer Technologien setzen, sondern auf neue Erkenntnisse und auf die Dynamik von Reformen.

Wir haben die Wahl: Entweder gestalten wir die künftige Politik selbst aktiv mit, oder wir werden mit einer von anderen gestalteten Politik konfrontiert sein. Ich bin sicher, Sie stimmen mir zu, dass die zweite Option für unsere Landwirte, unser Agrarmodell, für die Forscher, aber auch für die Verbraucher und die Unternehmen von sehr großem Schaden wäre und daher keine wirkliche Option darstellt.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 11. 2001)

EU-Agrar-Kommissar Franz Fischler über die Ursachen des grassierenden Misstrauens gegen den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt und notwendige Gegenstrategien.

Auszüge aus der Rede, die Fischler zu Eröffnung des Internationalen Kongresses "Leben und Überleben - Konzepte für die Zukunft" an der Universität für Bodenkultur in Wien gehalten hat.
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