Nicht fürs Leben, für den Konsum lernen wir

18. November 2001, 20:35
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Die Bilanz der antiautoritären Ansätze der späten 60er- und 70er-Jahre in Sachen Schule und Unterricht fällt nicht sehr gut aus

Der Neoliberalismus hat nicht nur die über Jahre und Jahrzehnte gewachsenen kollektiven Instanzen von Familie, Gewerkschaften, Parteien sowie der Kultur überhaupt im Visier, er zielt vielmehr auch auf die Zerstörung der im Verlauf der Neuzeit entstandenen Form des individuellen Subjekts. Die Entstehung eines neuen "postmodernen", unkritischen und "psychotisierenden" Subjekts resultiert aus einem erschreckend wirkungsvollen Vorgang, in dessen Zentrum zwei wesentliche Institutionen stehen, die sich der Fabrikation dieses neuen Subjekts verschrieben haben: zum einen das Fernsehen und zum andern ein neues Schulwesen, das sich durch die vorgeblich "demokratischen", dabei jedoch stets auf die Schwächung der Kritikfähigkeit ausgerichteten Reformen der letzten dreißig Jahre erheblich verändert hat.

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Die Zurichtung der Kinder durch das Fernsehen beginnt sehr früh. Kinder, die heute in die Schule kommen, sind häufig schon als Kleinkinder mit Fernsehen überfüttert worden. Das anthropologisch Neue daran ist, dass sie oft schon fernsehen, bevor sie sprechen können. In den USA beläuft sich der kindliche Bilderkonsum auf bis zu fünf Stunden täglich.

Die Überschwemmung des familiären Raums durch diesen ständig sprudelnden Hahn, aus dem ein ununterbrochener Bilderfluss strömt, wirkt stark auf die Entwicklung des künftigen Subjekts ein. Wir geben dem Inhalt der Bilder die Schuld, verurteilen zum Beispiel Gewaltdarstellungen und merken dabei nicht, dass auch das Medium selbst gefährlich werden kann, unabhängig von dem, was es verbreitet. Schließlich gab es auch in den Kindermärchen, die uns einst unsere Großmütter erzählt haben, allerlei Geschichten von kinderfressenden Ungeheuern, die den heute verbreiteten blutrünstigen Bildern in nichts nachstanden. Es besteht jedoch ein nicht zu unterschätzender Unterschied zwischen dem eindeutig imaginären Universum des Ungeheuers im Märchen, welches das Kind zwingt, dieses Universum als eine andere Welt (die Welt der Fiktion) zu denken, und dem ausgesprochen realistischen Universum der Fernsehunterhaltung mit ihren Gewalttaten, Vergewaltigungen und Morden, die keine Distanz zur wirklichen Welt hat. Gewiss bewirkt das Fernsehen durch den Vorrang, den eine allgegenwärtige und aggressive Werbung in ihm einnimmt, in der Tat eine frühzeitige Fixierung der Kinder auf den Konsum. Gleichwohl liegt das Problem nicht allein im Inhalt der Bilder, sondern auch in der Form selbst.

Zunächst ist es die Familie als Ort der intergenerationellen Vermittlung von Kultur, die sich beim Fernsehen auf eine kümmerliche Rolle reduziert findet. Der Ausdruck "Kinder der Glotze" veranschaulicht, wörtlich genommen, die Tatsache, dass das Fernsehen den Eltern ihre erzieherischen Aufgaben gegenüber den Kindern praktisch abgenommen hat. Die fehlende Zeit für die Kulturvermittlung von einer Generation zur nächsten bringt sehr deutliche Wirkungen hervor, die bis zum Zusammenbruch des symbolischen und psychischen Universums gehen können.

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Das symbolische Universum hängt mit einer wesentlichen Fähigkeit des Menschen zusammen, die ihn vom Tier unterscheidet: der Fähigkeit zu sprechen, sich selbst als sprechendes Subjekt zu begreifen und sich, im nächsten Schritt, an seine Artgenossen zu wenden, ihnen Zeichen zu übermitteln, die etwas repräsentieren sollen. Um Zugang zur symbolischen Funktion zu haben, genügt es, man selbst zu sein und ein System zu integrieren, in dem "ich" (als Anwesender) zu einem "Du" (als einem anderen Anwesenden) von "ihm" spricht (einem Abwesenden, gleichgültig, wer oder was das ist). Es sind diese grundlegenden symbolischen Bezugspunkte, die es uns erlauben, die fundamentalen Unterscheidungen zwischen dem Ich und dem Anderen, dem Hier und dem Dort, dem Davor und dem Danach, zwischen der Anwesenheit und der Abwesenheit zu treffen.

Im Wesentlichen sind es diese "Kinder der Glotze", die wir jetzt in der Schule finden. Insofern ist es begreiflich, dass viele Lehrer nur noch die bittere Feststellung treffen können, dass die Kinder, die sie vor sich haben, "keine Schüler mehr sind" und "nicht mehr zuhören". Sprechen tun sie wahrscheinlich auch nicht mehr. Nicht dass sie stumm geworden wären, im Gegenteil. Aber sie haben die größten Schwierigkeiten, sich in einen Gesprächsfaden einzureihen, der jedem abwechselnd seinen Platz zuweist: mal den des Sprechenden, mal den des Zuhörenden. Sie können nicht mehr in einen Diskurs eintreten, der es in der Schule dem einen (dem Lehrer) erlaubt, auf Vernunft gründende Aussagen (nämlich ein in Generationen vielfach akkumuliertes und ständig aktualisiertes Wissen) zu formulieren, und dem anderen (dem Schüler), sie so weit wie nötig zu diskutieren.

Es ist offensichtlich, dass viele Lehrer keine Mühe scheuen und sich - oft über ihre Kräfte hinaus - verausgaben, um die jungen Menschen wieder in die Position von Schülern zu versetzen, sodass sie selber ihre Aufgabe als Lehrer wahrnehmen können. Das Neue ist nun aber, dass in dem Maße, wie die Schüler daran gehindert sind, Schüler zu sein, die Lehrer mehr und mehr daran gehindert sind, ihren eigentlichen Beruf auszuüben. Seit dreißig Jahren "demokratischer" Reformen haben ihnen die verantwortlichen Politiker und die Pädagogikspezialisten unablässig gepredigt, dass sie sich von ihrem veralteten Erziehungsanspruch zu verabschieden hätten. So wies etwa der frühere Minister Claude Allègre die Lehrer an, ihre "altmodische Ausrichtung" abzulegen, die sich in dem alten Motto zeige: "Die Schüler sollen mir zuhören, denn ich bin derjenige, der Bescheid weiß." Und anstelle des Begriffs "Schüler" führte Allègre die neue Kategorie "der Jugendlichen" ein: "Was diese Jugendlichen wollen, ist interaktiver Unterricht."

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Im Namen der Demokratie an der Schule nimmt man also in Kauf, dass es keine Schüler mehr gibt. Wozu dann noch Lehrer? Das Modell, das Politiker und Pädagogikexperten den angeblich "veralteten Unterrichtsmethoden" entgegensetzen, ist letztlich das der Talkshow, wo jede und jeder "demokratisch" seine Meinung äußern kann. So wird alles zur intersubjektiven Angelegenheit. Es gibt nicht mehr die kritische Anstrengung, den eigenen Standpunkt immer wieder zu überprüfen, ihn aufzugeben, andere Ansätze zu erproben und anzunehmen, die womöglich weniger borniert, weniger oberflächlich und besser durchdacht sind. Was unerträglich geworden ist, ist der Lehrer, der seine Schüler mitreißt und sie ständig neu dazu einlädt und anstiftet, ihre Kritikfähigkeit auszubilden und zu schärfen. Das ist der Feind, den es zu besiegen gilt, weil er den Standpunkt der "Jugendlichen" nicht respektiert. Nicht wenige Pädagogikexperten "erklären" so die Gewalt an den Schulen: Die "Jugendlichen" würden damit eben auf die ungebührliche Autorität des Lehrers reagieren.

Wenn sie sich zur Gewaltanwendung gezwungen und Machtbeziehungen ausgesetzt sehen, dann deshalb, weil ihnen kein anderer Ausweg gezeigt worden ist: Sie sind darauf abgerichtet, die Berufung auf Vernunft und geduldige, diskursiv-kritische Gedankenarbeit zu meiden. Anders als es der gängige Pädagogenvorwurf gegen die Lehrer nahe legt, lässt sich somit unschwer vorhersagen, dass die Schüler umso mehr der Gewalt verfallen werden, je weniger sie sich auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis einlassen.

Wo es keine Berufung mehr auf die Vernunft und stattdessen eine ausgeprägte Berufung auf die Gewalt gibt, tritt genau das in Kraft, was Jean-Claude Michéa "die Schule des totalen Kapitalismus" genannt hat - das heißt eine Schule, die nach dem Verlust der kritischen Vernunft lauter frei flottierende, allen Konsumzwängen ausgelieferte Individuen hervorbringt. Was diese Schule hauptsächlich lehren wird, ist "die Ignoranz in allen erdenklichen Formen".

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Die Lehrer werden unter der Ägide der Pädagogikexperten umerzogen werden müssen. Sie bekommen gezeigt, dass man nichts mehr unterrichten muss, um sich auf die Gefühle des Augenblicks und deren nutzbringendes Ausleben zu verlassen. Es handelt sich also nach Michéa darum, die Bedingungen für eine "Auflösung der Logik" zu schaffen: nicht mehr zwischen Wichtigem und Zweitrangigem zu unterscheiden, ohne zu zögern etwas und zugleich sein Gegenteil zu behaupten usw.

So sehen wir sogar an den Universitäten eine Strömung Raum greifen, die sich dagegen sträubt, den "Jugendlichen" stringentes Denken abzuverlangen. Stattdessen komme es darauf an, ihnen Zerstreuung anzubieten, sie zu animieren, sie "demokratisch" nach Lust und Laune durch die Interaktionen zappen oder ihr Leben erzählen zu lassen und ihnen zu vorzuführen, dass die Errungenschaften der Logik bloßer Machtmissbrauch sind. Vor allem gelte es, ihnen zu beweisen, dass es nichts zu denken, dass es kein Objekt des Gedankens gibt: Alles komme auf Ichbestätigung und die damit zusammenhängende Haltung an, die zu verteidigen sei, so wie eben jeder gute Konsument seinen Interessen und seiner Ichbestätigung nachgehe. Geht es also einfach nur darum, gewitzte und konsumgeübte Kretins zu schaffen?

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Aller Wahrscheinlichkeit nach wollen die Pädagogen das nicht: Sie wollen sich nur an jenen Zustand anpassen, in welchem sie die "Jugendlichen" heute in der Schule vorfinden. Damit tragen sie freilich im Namen des Mitgefühls nur dazu bei, die Lage zu verschlimmern und die Zerstörung der Schule weiter voranzutreiben. Der Gebrauch, den man von den Diensten der Pädagogen gemacht hat, belegt nur einmal mehr, wie es der Neoliberalismus verstanden hat, sich die libertären Ansätze der Sechzigerjahre zunutze zu machen.

Die schulischen Einrichtungen und die Universitäten nehmen also eine große Menge junger Menschen auf, die sich treiben lassen und für die der Erwerb von Wissen zur nebensächlichen Beschäftigung geworden ist. Eine neuartige, "weiche" Institution bricht sich Bahn, deren Geheimnis in der Postmoderne verborgen liegt, die halb Jugend-, halb Kulturzentrum ist, halb Tagesstätte und halb soziale Einrichtung, durchaus vereinbar mit gewissen Formen von schulischen Vergnügungsparks. Nicht ausgeschlossen sind damit gewisse Restbereiche der Wissensproduktion und -reproduktion, in denen den neuen Technologien eine glänzende Zukunft prophezeit wird. "Alle wiederkehrenden Aufgaben des Lehrers werden aufgezeichnet und gespeichert", freute sich der ehemalige Minister Allègre schon in dem oben erwähnten Interview.

Unterdessen werden Formation und Reproduktion der Eliten - ebenfalls eine entscheidende Funktion der "Schule des totalen Kapitalismus" - immer ausschließlicher von den Großen Schulen, oder am besten von den anerkannten Privatschulen und -universitäten der USA übernommen (wo die jährlichen Studiengebühren 30.000 Dollar betragen). Diese Bildungsgänge, an denen weiterhin das harte, kritische Unterrichtsmodell durchgezogen wird, bleiben unberührt von den für die breite Masse bestimmten pädagogischen Kompromissen.

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Die Herausbildung eines unkritischen Individuums mit einer allen Schwankungen ausgelieferten Identität ist also kein Zufall: Diese Aufgabe erledigen Fernsehen und Schule mit großer Zuverlässigkeit. Der kapitalistische Traum besteht nicht nur darin, die Herrschaft der Ware bis an die Grenzen der Welt auszudehnen (Stichwort: Globalisierung), wo dann alles und jedes Warencharakter erhielte (die Rechte an Wasser, am Genom, an lebenden Arten, am Kauf und Verkauf von Kindern oder menschlichen Organen usw.), sondern auch darin, den herkömmlichen Privatangelegenheiten, die bisher jedem Einzelnen überlassen waren (Ausbildung der Subjektivität, der Sexualität etc.), Warencharakter aufzuzwingen.

Wir stehen in dieser Hinsicht an einem entscheidenden Wendepunkt. Denn wo das Subjekt als solches angetastet wird, sind nicht mehr nur die Institutionen in Gefahr, die wir gemeinsam haben, sondern auch und vor allem das, was wir sind. Dann wird nichts mehr einem totalen Kapitalismus Einhalt gebieten können, in dem alles, ausnahmslos alles, Teil der großen weiten Warenwelt sein wird: die Natur, alles, was lebt, und die Gefilde des Imaginären. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 17./18. 11. 2001)

Gewaltbereite Jugendliche, konzentrationsschwache Schulkinder, überforderte Lehrer und Unterrichts-konzepte, in denen es als schick gilt, sich am Fernsehen als Modell zu orientieren - die Bilanz der antiautoritären Ansätze der späten 60er- und 70er-Jahre in Sachen Schule und Unterricht fällt nicht sehr gut aus. Ein Bericht aus Frankreich. Von Dany-Robert Dufour



Deutsch von Holger Fliessbach

Dany-Robert Dufour ist Professor für Philosophie an der Universität Paris-VIII.

Dieser Text ist aus der laufenden deutschsprachigen Ausgabe von "Le Monde diplomatique"
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