Bauen an der Stadtgesellschaft

18. November 2001, 20:30
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Europäische Städte zwischen Auflösung und Reurbanisierung: ein geschichtliches Erbe

In einer Zeit, in der in Echtzeit abgewickelte Prozesse die Vorstellungen von Nähe und Verbundenheit scheinbar obsolet gemacht haben, in der die Insignien urbaner Lebensweise medial und faktisch allgegenwärtig geworden sind, geraten angestammte Denkkategorien an ihre Grenzen.

Die Raumgeschichte seit 1950 bezeugt einen komplexen, nicht linearen widersprüchlichen gesellschaftlichen Wandel. In den gescheiterten Ambitionen, über städtebauliche Interventionen und Infrastrukturrealisierungen einer "Raumanarchie" - ein mit wohligem Schauer eingesetztes Lieblingswort vieler Planer und Städtebauer nach dem Zweiten Weltkrieg - wirksam zu begegnen, liegen wesentliche Einsichten für künftiges Vorgehen, die noch zu wenig zur Kenntnis genommen werden. Auf der praktischen Ebene zeigt sich die Differenz zwischen der Bedeutungsvielfalt des Städtischen und den unausweichlichen Komplexitätsreduktionen jedes städtebaulichen oder planerischen Vorgehens. Zwischen den idealen Planwelten und den städtischen Wirklichkeiten manifestiert sich, um mit Niklas Luhmann zu sprechen, ein "Bruch zwischen der gegenwärtigen Zukunft und den künftigen Gegenwarten", in welchem die wirtschaftlichen und soziologischen Dynamiken, die Unwägbarkeiten der politischen Prozesse, die juristischen Rahmenbedingungen ambitionierte Vorhaben blockierten oder in unerwartete Richtungen lenkten. Diese Einsichten gelten sicherlich auch dann noch, wenn wir statt von städtischen von gesellschaftlichen Wirklichkeiten sprechen.

Ein nächster Punkt betrifft die Herstellung gesellschaftlicher Interaktion. Sowohl die Erfahrungen mit den Verkehrsinfrastrukturen, wo die Verkehrsentwicklung und die möglichen Bedeutungen des Verkehrs systematisch falsch bewertet wurden, wie auch die gescheiterten Bemühungen der Moderne, soziale Interaktionen abschließend auf dem Reißbrett zu entwerfen, belegen die Schwierigkeiten dabei. Schließlich weist die Raumgeschichte darauf hin, dass Urbanität, verstanden als aufgeschlossene Lebensweise, weder aus der peinlich genauen Befolgung irgendwelcher Grundsätze und Richtwerte noch aus architektonischer Kreativität resultiert, sondern sich kontingent dazu verhält. Diese für Generationen von Architektinnen und Städtebauern bittere Lektion hallt heute deutlich nach. Eine beliebte Schlussfolgerung daraus bildet nämlich ein Positivismus, dessen sich Architekten zunehmend bedienen: Der Architekt gewinnt wichtige Einsichten aus einem Beobachten der Raumentwicklungen in den Städten. Nicht mehr in der aseptischen Reinheit von Architektur- und Städtebauinstituten generierte Grundsätze, sondern vom faktisch Vorhandenen abgeleitete Rückschlüsse definieren hier das Notwendige.

Das Bestehende zu akzeptieren ist unzweifelhaft die entscheidende Lektion, die die Erfahrungen mit der architektonischen und städtebaulichen Moderne mit sich gebracht haben. Es sind die bereits vorhandenen Siedlungsräume mit ihren vielschichtigen Bedeutungen, Hindernissen und Schwierigkeiten, mit welchen Planer und Architekten arbeiten müssen. Wenn es nun richtig ist, dass uns die Vorstellungen und Begriffe zur korrekten Umschreibung der momentanen Raumentwicklung fehlen, so fehlen uns auch die Bilder. Hier eröffnen sich Möglichkeiten für eine Architektur jenseits eines fatalistischen Pragmatismus, die von Universalität einer ehemals auf urbane Kontexte beschränkten Lebensweise zeugt. Es ginge also darum, die Materialität einer ökologisch und sozial aufgeschlossenen Lebensform zu schaffen und nicht wirklichkeits- und geschichtsnegierende Klischees von Stadtleben und Landidyllen zu bedienen. Diese lassen sich zwar, wie die momentanen Reurbanisierungsprojekte im Zeichen der Freizeit- und Konsumgesellschaft wie auch die In-vitro-Produktion kleinstädtischer Übersichtlichkeiten zeigen, nur allzu leicht simulieren, tragen aber zur Lösung der anstehenden Probleme nichts bei.

Der Architekt ist mit dieser Architektur nicht mehr der ingeniöse Baumeister einer zeitgemäßen Gesellschaft, als welchen er sich seit den Manifesten der Moderne so gerne präsentiert, sondern nur mehr der Bausteinelieferant (für einen gezeichneten Siedlungsraum). Welches sind die wünschbaren Eigenschaften solcher Bausteine? Sie bedenken die Geschichte eines Ortes mit und rechnen mit den Prozessen der Aneignung, die Architekturen erst zu tauglichen räumlichen Bestandteilen machen. Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit gesellschaftlicher Wirklichkeiten irritiert nicht mehr, sondern wird zum Ausgangspunkt der Lösungsvorschläge. Perspektiven werden offen gehalten, neue Grenzen thematisiert und Orte bestimmt. Die komplexen und nur wenig vorhersehbaren Interaktionen unserer Gesellschaften werden dabei nicht festgeschrieben, sondern es werden Möglichkeitsräume für Netzwerke geschaffen. Diese Architektur eröffnet Chancen, weil sie plausible Antworten auf die gesellschaftliche und räumliche Fragmentierung zu formulieren weiß, die das unleugbare Erbe unserer (Post-) Industrialisierungsgeschichte ist. DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 17./18. 11. 2001)

Von Angelus Eisinger

Angelus Eisinger forscht und unterrichtet am Institut für Geschichte und Technikgeschichte der ETH Zürich. Der vorliegende Beitrag ist ein Auszug aus dem Vortrag, den Eisinger auf der Tagung "Technopolis" des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften IFK in Wien hielt.
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