Parteisteuern von Michael Moravec

18. November 2001, 20:28
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Auch dem Chef der New York Stock Exchange, Richard A. Grasso, unterläuft ab und zu ein kleiner Irrtum. Vor ziemlich genau einem Jahr klopfte er dem leicht nervösen Telekom-Austria-Boss Heinz Sundt freundschaftlich auf die Schulter: "Wir versprechen Ihnen, dass der Eröffnungskurs der niedrigste Kurs sein wird, den die Telekom-Aktie je gesehen hat." Knapp daneben ist auch vorbei: Der Eröffnungskurs war ein ganzes Jahr lang der höchste Kurs der "Volksaktie".

Es ist bezeichnend, dass erst ein wenig Leben in den Kursverlauf gekommen ist, als bekannt wurde, dass sich internationale Investoren für die TA interessieren und die Dominanz des kuriosen Großaktionär-Paares ÖIAG und Telecom Italia vermutlich dem Ende zugeht. Die schrulligen Partner haben kaum etwas zustande gebracht. In einer Zeit, in der Anleger entweder ordentliche Gewinnzahlen oder zumindest eine spannende, visionäre "Investmentstory" verlangen, musste die TA auf beides verzichten. Als Entschädigung gab es eine Gewinnwarnung. Der Vorstand vermittelte der Öffentlichkeit den Eindruck unendlicher Mühsal. Und Aufsichtsräte erzählten, der Börsengang sei notwendig gewesen, um Umstrukturierungen gegen den starken Betriebsrat überhaupt argumentieren zu können. Fondsmanager lieben ein so starkes, selbstbewusstes Management.

Wer hoffte, der Regierung sei es mit der Entpolitisierung der Staatsbeteiligungen ernst, hat hier die Antwort. Das Desaster in einem der Schlüsselbereiche Österreichs verantworten Politiker, die Unternehmensinteressen und Parteiinteressen nicht entflechten wollten und ihre Begehrlichkeiten von Postenschacher bis zum übereilten und unprofessionellen Börsengang durchsetzten. Dementsprechend sollten Anleger aber auch Minderbewertungen absetzen können: als Parteisteuer.´(Michael Moravec, Der Standard, Printausgabe, 19.11.2001)

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