Nachleben, Nachbeben

18. November 2001, 22:33
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Thomas-Bernhard-Archiv: Wissenschaftler auf literarischer Spurensuche

In Gmunden wurde am Wochenende das Thomas-Bernhard-Archiv eröffnet. Der literarische Nachlass des Schriftstellers ist dadurch erstmals einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich. Zugleich kündigte der Suhrkamp Verlag eine Bernhard-Leseausgabe an.

von Stephan Hilpold


Gmunden - Die Landschaft, in die das Werk Thomas Bernhards jetzt zurückgekehrt ist, hat etwas Tückisches. Bis lange nach Mittag hängen dieser Tage die frostigen Herbstnebel über dem Salzkammergut, dann erst lichtet sich der Schleier, und milchig bricht in Bernhards Reich die Sonne durch. Wärmer wird es aber auch dann nicht. Künftige Forscher, die im neu installierten "Thomas-Bernhard-Archiv" in Gmunden über ihre Sicht auf den Großmeister der Pathologisierung der österreichischen Provinz arbeiten, werden sich warm anziehen müssen. Schließlich befinden sie sich in einer - glaubt man Bernhard - durch und durch verkommenen Gegend.

Dabei schaut alles so malerisch aus: Die sorgsam restaurierte Villa Stonborough-Wittgenstein, in der des Dichters und Johannes Freumbichlers, des Großvaters, Nachlässe aufbewahrt und erforscht werden, liegt auf einer Halbinsel am Rande eines leicht abfallenden Parks am Traunsee - flankiert von der "Großen Villa Toskana" und dem "Seehotel", dem Seeschloß Orth. Aus dem Fenster des zweistöckigen Gebäudes, in dessen ehemaligem Wagenhaus zudem ein Veranstaltungsbereich und eine Atelierwohnung für zeitgenössische Künstler eingerichtet wurden, gleitet der Blick auf imposante Bergeshöhen. Wenn nicht gerade Nebel herrscht.

Jedoch: "Die Schönheit der Landschaft soll uns nicht blenden", greift Peter Fabjan, Bruder und Erbe, jeder Verklärung vor. Er, der Gmundner Arzt, weiß um die Bedrohungen, denen seit Bernhards Tod 1989 Werk und Autor ausgesetzt sind. Bekanntlich hatte Bernhard, der "Alpenkönig und Menschenfeind", testamentarisch verfügt, dass nach seinem Tod aus dem Nachlass "kein Wort" mehr veröffentlicht werden darf. Erst nach der Entscheidung Fabjans, die "Thomas Bernhard Privatstiftung" (1998) einzurichten, wurden Aktivitäten rund um Bernhards Hinterlassenschaften auf breiterer Ebene möglich.

"Ob der Dichter das Archiv gewollt hätte", sagt Fabjan und denkt dabei wohl auch an die großzügige Unterstützung der Oberösterreichischen Landesregierung bei der Errichtung, "weiß ich nicht." Schließlich dient das Archiv auch dazu - man kann es drehen und wenden, wie man will -, Bernhards letzten Willen zu desavouieren.

Nur durch die Aufarbeitung des Nachlasses, wie sie seit einiger Zeit durch Archivleiter Martin Huber im Gange ist, wurde etwa die Leseausgabe der Werke Bernhards möglich, die anlässlich der Eröffnung des Archivs vom Suhrkamp Verlag angekündigt wurde. Auf 22 Bände angelegt, werden die ersten drei Bände ("Frost", Kurzprosa und Dramen I) bereits im Herbst des nächsten Jahres erscheinen. Herausgegeben wird die Ausgabe, in der Eingriffe in den Text vermerkt sowie Entstehung und Wirkungsgeschichte der Werke erläutert werden, vom Wiener Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler und Martin Huber.

In die Ausgabe aufgenommen werden ausschließlich Texte, die zu Lebzeiten des Schriftstellers publiziert wurden. Nicht die Prosatexte und Gedichte des frühen Bernhard etwa, die teils bereits in einer Ausstellung in diesem Frühjahr präsentiert wurden, nicht der aus dem Jahre 1960 stammende Roman "Schwarzach St. Veit". Mit der (finanziell wohl nicht unlukrativen) Ausgabe gehe es darum, Klarheit im Dichterreich zu schaffen. Schmidt-Dengler: "Gerüchte über das Werk tragen nur zu einer weiteren Mystifikation Bernhards bei."

Die Bernhard-Ereigniskultur - sie war nicht erst anlässlich des 70. Geburtstages des Schriftstellers im Februar dieses Jahres zu beobachten - steht in voller Blüte. Gerade erregt ein frühes Regiebuch Bernhards, das "unter dubiosen Umständen in ein Antiquariat gelangte, das noch dubiosere Preise verlangt" (Suhrkamp-Lektor Raimund Fellinger) die Gemüter der Gemeinde. Solcherlei Entwicklungen entgegenzusteuern ermöglicht wohl nur eine sorgsame wissenschaftliche Aufarbeitung des Werks. Für das Fundament wurde nun mit der Errichtung des Gmundner Archivs gesorgt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.11. 2001)

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