Schwarzer Humor um Terroranschläge im Web

20. November 2001, 13:12
2 Postings

Die Bandbreite reicht von kreativ über witzig bis zu geschmacklos

Zwei Monate nach den Terroranschlägen vom 11. September kursieren zahlreiche Witze und Karikaturen im Internet, die eine humoristische Betrachtung der Ereignisse - oft an der Grenze des guten Geschmackes - zum Inhalt haben. In Videospielen sind nicht mehr unschuldige Moorhühner das Ziel der virtuellen Revolverhelden. Die Jagd auf Osama Bin Laden und die Taliban findet längst auch auf den PCs statt.

"Come Mr. Taleban, turn over Bin Laden"

Die über das Internet schnell verbreiteten Filme, Bilder und Lieder beschäftigen sich auf ironische, teilweise zynische bis geschmacklose Weise mit den Terroranschlägen und ihren Folgen. Meist wird der von den Medien als Mastermind des Terrors dargestellte Osama Bin Laden und seine Gesinnung auf die Schippe genommen. Auf der Spaßseite Madblast ist die Animation eines umgedichteten Harry Belafonte Songs zu sehen. Das Lied hat nun den Refrain "Komm Mr. Taliban, liefere Bin Laden aus" ("Come Mr. Taleban, turn over Bin Laden"). Im Video treten bekannte Gesichter aus den täglichen Nachrichtensendungen singend auf. Die Website enthält auch andere Inhalte, die sich über die Taliban lustig machen.

"Taliban Single Börse"

Die "Taliban Single Börse" auf http://discuss.2020hindsight.org präsentiert ausschließlich verschleierte Frauen. So sucht zum Beispiel eine Frau namens Frogh unter dem Slogan "Bist du ein Terrorist mit Herz" einen Partner. Ihre Angaben zu Beruf, Einkommen und Hobbies sind immer die gleichen: "nicht erlaubt".

Tourist of Death"

Während Taliban-Song und Single-Börse noch Kreativität und Ironie zeigen, überschreitet das Bild des Todestouristen ("Tourist of Death") die Grenze des guten Geschmacks. Nach der WTC-Tragödie wurden etwa eine Mio. E-Mails mit dem Bild eines Touristen auf der Aussichtsplattform des WTC-Turmes versandt. Im Hintergrund war nicht nur das Panorama von New York, sondern auch eines der herannahenden Flugzeuge zu sehen. Dem E-Mail war der Text beigefügt: "Anbei ist ein Bild, das von einem Touristen auf dem Turm des WTC gemacht wurde. Die Kamera wurde gefunden, aber die Person auf dem Bild wurde nie wiedergesehen." Inzwischen gibt es bereits eine eigene "Tourist of Death"-Website, die den berüchtigten Touristen in Forrest-Gump-Manier an allen möglichen historischen Katastrophenschauplätzen zeigt. Laut dem Schöpfer der Tourist-Page, Paul Bruno, ist der schwarze Humor des Fotos sehr beliebt. Die Site komme auf 20.000 Page Views pro Tag. Das Magazin Wired berichtet, dass der Todestourist ein brasilianischer Geschäftsmann namens José Roberto Penteado ist. Er hält das Foto für einen Streich seiner Freunde.

Normal

Der Psychologe Wolfgang H. R. Miltner von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena bewertet die Flut an Ulk-Webseiten als einen normalen Vorgang. "Bei öffentlichen Ereignissen sieht man immer, dass nicht nur ernsthafte Betrachtungen entstehen, sondern auch Karikaturen, die bestimmte Merkmale herausheben", sagte der Psychologe. Derlei Phänomene seien nicht neu, das Internet biete nur eine weitere Plattform. Das Lachen sei ein "spezifisch menschlicher Schutzreflex".(pte)

Share if you care.