"Dolly hat im Moment keinen Nutzen"

17. November 2001, 23:13
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Alan Colman, einer ihrer "Väter", im STANDARD-Interview

Alan Colman, einer der "Väter" des Klonschafs Dolly und Forschungsdirektor der Biotech-Firma PPL Therapeutics, spricht im Interview mit Roland Schönbauer über Menschenklonierer Antinori, über Kühe gegen Anthrax und über die Zukunft der Stammzelltherapie - ganz ohne Stammzellgabe. Und ohne Embryonen.

STANDARD: Hat Severino Antinori, der ja jetzt nach Aufhebung des britischen Klongesetzes auf den Inseln Menschen klonen will, Sie schon kontaktiert?

Colman: Na Gott sei Dank nicht!

STANDARD: Warum so kühl?

Colman: Ich kann diesen temperamentvollen Mann nicht sehr ernst nehmen. Seine übliche Antwort auf ernste Fragen ist: Sind Sie denn ein Gynäkologe? Er behandelt Wissenschafter mit Verachtung. Ich betrachte ihn nicht als ernst zu nehmenden Wissenschafter, er ist ein Arzt.

STANDARD: Was haben denn seriöse Wissenschafter bisher von Ihrem Dolly-Experiment?

Colman: Es war ein Beweis, dass das Programm sehr differenzierter Zellen mit bestimmten Funktionen durch eine andere Software ersetzt werden kann - in Analogie zum Computer.

STANDARD: Aber welchen konkreten Nutzen hat die Menschheit davon?

Colman: Das ist eine vernünftige Frage. Im Moment keinen. Außer dem Wissen, dass das so getan werden kann.

STANDARD: Wie erklären Sie sich dann den immensen Eindruck, den Sie mit Dolly auf die Öffentlichkeit gemacht haben?

Colman: Wir haben wohl die Wirkung von all jenem unterschätzt, das mit menschlicher Fortpflanzung zu tun hat. Die Leute haben die Sorge, dass diese Technologie auf den Menschen übertragen wird.

STANDARD: Zurück zum Nutzen: Was hat Dolly Ihrer Firma denn eingebracht?

Colman: Wir haben nun eine viel ausgefeiltere Methode zur Genmanipulation von Nutztieren. Unsere Motivation war und ist, Organtransplantation von Schweinen auf Menschen zu ermöglichen. Außerdem werden wir von den US-Militärs unterstützt, um Kühe dazu zu bringen, menschliche Antikörper gegen Pathogene wie Anthrax zu produzieren - eine direkte Anwendung der Technologie, die bei Dolly herauskam.

STANDARD: Aber Gewinn haben Sie noch keinen damit gemacht, oder?

Colman: Nein, wir hatten noch nie wirklich einen.

STANDARD: Hat das Klonen von Dolly Ihre Weltsicht verändert?

Colman: Nur in der Hinsicht, dass die Wissenschafter mehr mit Philosophen und Ethikern über ihre Forschung reden sollten. So könnten sie die öffentliche Reaktion vielleicht besser antizipieren. Es ist ein schwieriges Gleichgewicht, ungehindert zu forschen und zugleich die Öffentlichkeit genau zu informieren.

Wenn sie Forschung beeinspruchen könnte, würden viele moderne Entwicklungen nicht passieren - selbst wenn sie zum Wohl der Leute sind.

STANDARD: Warum sind Sie denn dann skeptisch gegenüber Klonen zu Therapiezwecken?

Colman: Hauptsächlich, weil es - zumindest bei individuellem Einsatz der eigenen Stammzellen - viel zu teuer wird und manchmal auch zu lange dauern würde. Außerdem ist es im Moment noch recht zufällig, wie sie sich differenzieren.

STANDARD: Und wenn's gut funktionieren würde?

Colman: Dann hätte ich kein ethisches Problem mit Produktion und Zerstörung von Embryonen.

STANDARD: Anders als beim reproduktiven Klonen sind Sie aber für weitere Forschung?

Colman: Ja, aber wir sollten das derzeit nicht mit menschlichen Embryonen tun. Das wäre Embryonenverschwendung. Ethisch hab ich nichts dagegen, aber wir sollten all das so wenig wie möglich machen. In Zukunft wird es bei der Zelltherapie etwa eines Herzkranken statt um die Gabe von embryonalen oder adulten Stammzellen darum gehen, die Redifferenzierung vorhandener Zellen im Körper und damit die Reparatur durch Pharmaka anzuregen.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 11. 2001)

Alan Colman spricht am Dienstag, 20. 11., um 19 Uhr über "Reflections on Uses and Abuses of Cloning in Mammals". Ort: Veterinärmedizinische Universität, 1210 Wien, Veterinärplatz 1.
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