Ovationen für Wolf Biermann

20. November 2001, 00:00
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65 ist der "Mutige unter so vielen Ängstlichen und Feigen" - und kein bisschen leise

Berlin - Mit Ovationen gefeiert wurde der deutsche Liedermacher Wolf Biermann am Freitag, einen Tag nach seinem 65. Geburtstag, bei einem Konzert im Berliner Ensemble anlässlich des 25. Jahrestages seiner Ausbürgerung aus der DDR am 16. November 1976. Ins vollbesetzte Theater fanden sich unter anderem Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck, der Schauspieler Manfred Krug und der Schriftsteller Erich Loest ein.

Thierse würdigte Biermann unter Hinweis auf dessen Auftrittsverbot in der DDR als "einen Mutigen unter so vielen Ängstlichen und Feigen". Er sei laut gewesen, wo andere geschwiegen hätten. Seine Ausbürgerung sei eine historische Zäsur in der Geschichte der DDR gewesen. Sie habe das Land erschüttert und "eine Welle von Tapferkeit ausgelöst", betonte Thierse. Biermann berichtete, er sei schon Jahre vor seiner Ausbürgerung zu einem Gespräch ins DDR-Kulturministerium geladen worden, wo man ihm nahe gelegt habe, freiwillig das Land zu verlassen. Er habe das aber abgelehnt.

"Sargnagel"

Nach Ansicht des früheren SED- Politbüromitglieds Günter Schabowski, der in einer Podiumsdiskussion vor dem Konzert erstmals mit Biermann öffentlich zusammentraf, war dessen Ausbürgerung einer der "Sargnägel" der DDR. "Das Land ist untergegangen nicht zuletzt an der Wirkung, die dieser Mann hatte." Die SED habe die Wirkung der Ausbürgerung unterschätzt, "das Biermann-Problem potenzierte sich, auch international", meinte Schabowski, der im Jänner 1990 aus der SED ausgeschlossen und 1997 wegen Totschlags zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

Der Pfarrer und frühere DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann teilte aus Anlass des Jahrestages der Biermann-Ausbürgerung mit, dass allein bis zum 15. Dezember 1976 nach einer Zählung der Stasi 101 Festnahmen, 42 Ermittlungsverfahren mit Haft und 41 "Erziehungsmaßnahmen" erfolgt seien. Die Partei habe mit einer ganzen Bandbreite an Zwangsmaßnahmen wie Parteiverfahren, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Verhören, langen Gefängnisstrafen und fristlosen Entlassungen reagiert. Eine Massenabwanderung vor allem von Künstlern, Schriftstellern und Musikern sei die Folge gewesen. "Die Ausbürgerung Wolf Biermanns im Jahr 1976 war die intellektuelle Selbstentleibung des SED-Regimes." (APA/dpa)

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