Naturschutz für Bakterien?

18. November 2001, 12:30
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Ein tückischer Feind, mit dem wir uns gutstellen sollten - zu unserem eigenen Vorteil

Im Anfang waren - die Bazillen. Volkstümlich gesprochen zumindest, denn Bazillen sind nur eine Gruppe von Bakterien, auch wenn der Begriff häufig als Synonym für alle gebraucht wird. Tatsache ist: Noch vor den ersten Einzellern schwammen sie schon vor drei bis vier Milliarden Jahren in der "Ursuppe".

Seither wurden Festland und Wasser von einer Unzahl von Pflanzen und Tieren besiedelt, doch die Bakterien zogen immer mit. Sie sind buchstäblich überall, im ewigen Eis, in heißen Quellen, auf dem Boden der Tiefsee und auf den höchsten Gipfeln und sie leben auf und in Pflanzen und Tieren. Auch wenn es manchen jetzt gruseln mag: Im Körper des Durchschnittsmenschen leben 10.000 Milliarden Bakterien, auf jede unserer Körperzellen kommen zumindest zehn bakterielle "Gäste" - rund drei Kilogramm Mikroben schleppt jeder von uns mit sich herum.

Nicht nur Hygienefanatiker kann da der kalte Grausen ankommen, aber zum Glück sieht man die Winzlinge ja nicht. Dafür spürt man sie und das ist ein großes Glück: Ohne Bakterien wäre zum Beispiel unsere Verdauung und damit die Energiegewinnung für alle Lebensvorgänge nicht möglich. Trotzdem bekommen die meisten von uns eine Gänsehaut, wenn von Bakterien die Rede ist - schlicht und einfach deshalb, weil sie "Bakterien" mit Krankheit assoziieren.

Wilde und Milde

Und tatsächlich werden einige der schrecklichsten Infektionskrankheiten von Bakterien hervorgerufen: die Pest etwa, die Cholera, die Lepra oder auch die Tuberkulose. In der westlichen Hemisphäre konnten diese Geiseln nahezu ausgerottet werden.

Die Gründe, warum Yersinia pestis und Co. heute bei uns keine Chance mehr haben: gute Ernährungslage und gute Allgemeinhygiene. Ver- besserte Lebensbedingungen haben die natürlichen Abwehrkräfte der Menschen gegen bakterielle Krankheitserreger gefördert - und selbstverständlich hat die Entdeckung des ersten "Antibiotikums", des Penicillins, im Jahr 1928 die wirkungsvolle Bekämpfung akuter Infektionen möglich gemacht.

Seither haben die Antibiotika einen Siegeszug angetreten - und immer erweist sich dieser als Pyrrhussieg. Das Schreckenswort von der "Antibiotikaresistenz" ist immer öfter zu hören. Tatsächlich entstehen immer mehr Keime, die durch den flächendeckenden Gebrauch gegen Antibiotika oder auch gegen Desinfektionsmittel, immun sind.

Bakterien sind extrem anpassungsfähig, schon wegen ihrer enormen Vermehrung: aus einem einzigen Bakterium können innerhalb von nur zwölf Stunden unglaubliche fünf bis sechs Milliarden werden. Und jenes Mutationsquantum, das innerhalb von sechs Millionen Jahren aus dem "Südaffen" den modernen Menschen machte, "bewältigen Bakterien etwa alle sechs Jahre", wie der Biologe Volker Rusch in seinem interessanten Buch "Bakterien - Freunde oder Feinde" vermerkt. Auf chemische Waffen können sich die Winzlinge deshalb rasch einstellen - vor allem, wenn man ihnen durch wahllosen Giftgebrauch dazu Gelegenheit gibt. Wie Rusch berichtet, werden allein in den USA 25.000 Tonnen Antibiotika verabreicht, die Hälfte davon in der Human-, die andere Hälfte in der Tiermedizin.

Gute und Schlechte

Wobei längst nicht nur Krankheiten behandelt werden, 70 Prozent der Nutztierantibiotika werden als Wachstumsförderer in der Mast eingesetzt. Andererseits hat sich die Zahl der Antibiotikabehandlungen bei Infekten der oberen Atemwege in Deutschland von 3032 im Jahr 1990 auf 9469 im Jahr 1996 mehr als verdreifacht, auch sonst haben die Behandlungen mit Antibiotika massiv zugenommen und das obwohl viele Infekte eigentlich auf Viren zurückgehen, gegen die Antibiotika gar nicht helfen.

In der Folge können sich nicht nur gefährliche Keime ans Gift gewöhnen - zumindest ebenso dramatisch ist, dass dadurch die "guten" Bakterien ebenfalls abgetötet werden. Und wo die "guten" verschwunden sind, haben die "bösen" Raum, sich auszubreiten und festzusetzen - chronische Erkrankungen sind vorprogrammiert. Auch fürs Immunsystem ist die Schädigung der körpereigenen Bakterienflora fatal, was nicht nur die Abwehr schwächt, sondern auch zur Entstehung von Allergien führt - Rüsch problematisiert in diesem Zusammenhang die besonders häufige Antibiotika-Behandlungen bei Kleinkindern. Doch nicht nur der "innere Krieg" gegen die Bakterien, auch der äußerlich geführte hat diese negativen Konsequenzen. Dennoch wird in den Medien munter für Desinfektionsmittel Werbung gemacht - und Kinder spielen in den Reklamesujets immer eine Hauptrolle.

Die Umweltberatung hat denn auch eine Initiative gesetzt, um den gefährlichen Unfug zu beenden: Im Haushalt haben Desinfektionsmitteln nichts verloren, da reichen "ganz normale" Reiniger, auch auf der Toilette. Am besten solche mit Essig. Auch gegen bakteriell verursachte Erkrankungen sollen in Zukunft weniger Bakterienkiller und mehr "gute" Bakterien eingesetzt werden: Volker Rüsch schildert die modernen Methoden, mit denen die körpereigene Bakterienflora und damit Immunabwehr und Selbstheilung gefördert werden kann.

Und er rät uns dringend, Frieden zu schließen mit den Winzlingen um uns, schon weil sie einen Krieg "Mensch-Bakterie" sicher gewinnen würden. Uns sechs Milliarden Menschen stehen schließlich, laut Rüsch, "Berechnungen der Universität Georgia zufolge unermessliche 1 Quintillion Bakterien gegenüber". Zum Glück sind wir den meisten von ihnen egal und etliche von ihnen sind uns sogar freundlich gesonnen. Und mit denen sollte man pfleglich umgehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 11. 2001)

Bakterien - Freunde oder Feinde von Volker Rusch, Urania Verlag, öS 218.

Informationen übers "richtige Putzen" bei der Umweltberatung unter: (01) 803 32 32

Von Andrea Dee
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