Von den Besten lernen

19. November 2001, 10:35
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Legale Nachahmung - Benchmarking ist viel mehr als "Abkupfern"

"Theorie ist wichtig", sagt der 28-jährige Gründer eines E-Commerce-Unternehmens. "Aber noch wichtiger ist, sich schlau zu machen bei der Konkurrenz, genau zu verfolgen, was dort gemacht wird und die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Schließlich hängt der Erfolg unseres Unternehmens vor allem davon ab, dass wir besser sind als die anderen, dass wir wissen, wo wir unsere Energien verstärken müssen und wo wir es langsamer angehen lassen können."

Learning-by-observing

Mit dieser Learning-by-observing-Methode hat der Jungunternehmer seine Firma bereits nach einem Jahr konsolidiert. "Ich schaue über den Tellerrand. Ich lerne von den Besten in meiner Branche. Und dadurch stärke ich meine eigene Strategie und habe eine bessere Position als jene, die alles nur nach eigenem Gusto veranstalten, in ihrer Hermetik feststecken und nicht mal merken, wie sie von der Konkurrenz überrundet werden."

Benchmarking

Beim Benchmarking, vor rund 20 Jahren von der US-Firma Rank Xerox eingeführt, geht es um mehr als das "Abkupfern" von Methoden anderer Unternehmen.

Der bench ist der Arbeitstisch des Mitwettbewerbers, der das Gleiche betreibt und dabei mehr Erfolg hat. Also muss man sich das mal anschauen, wie er dazu kommt. "Best Practice", wie Benchmarking gelegentlich vornehm verklausuliert wird, ist die Methodik der zielgerichteten Suche nach den effizientesten Vorgehensweisen und besten Lösungen.

Ein strategischer Ansatz, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und den Wandel des Betriebs zu einem hochprofitablen Unternehmen nachhaltig und kontinuierlich zu betreiben.

Höhere Marktanteile

Wer Benchmarking systematisch ausübt, gelangt, wie Untersuchungen nachgewiesen haben, zu höheren Marktanteilen. Neben der Dienstleistungs- hat das hauptsächlich die Automobilbranche gezeigt: Große Unternehmen wie Volkswagen haben Benchmarking-Spezialisten in ihren Diensten, die auch noch kleinste Vorsprünge im konkurrierenden Lager erspähen, sofort auswerten und damit entscheidende Anstöße geben für unternehmerisches Denken und Handeln.

All-in-one-Instrument

Auch im Medienbereich ist das All-in-one-Instrument pausenlos im Einsatz. Noch die geringste Differenzierung bei Wettbewerbern wird akribisch verfolgt und ausgewertet, um danach Rückschlüsse für den eigenen Kurs zu ziehen. Software- und IT-Dienstleister, Telekommunikation, Mobilitäts- und Logistik-Dienstleister, Gesundheitswesen und Kommunale Dienstleistung stehen heute unter Beobachtung.

In der Wirtschaft gibt es keine Einsamkeit mehr. Jeder will wissen, wie der andere es macht und den Besten nachahmen. Das ist legal, haben doch immer schon Menschen von Menschen gelernt, übernommen, variiert.

Instrument der Veränderung

Benchmarking ist zum wichtigsten Instrument der Veränderung geworden. Der damit assoziierende Begriff "Intrapreneurship" avancierte zur Lieblingsvokabel des Personalmanagements. Redewendungen wie "lernende Unternehmen" und "atmende Fabrik" sind mittlerweile Standardformulierungen. Wer auf Benchmarking setzt, ist neugierig, selbstkritisch, veränderungsbereit und bestimmt von der Einsicht, dass niemand unfehlbar ist und andere besser sein können.

Bei Start-up-Unternehmen sollten diese Motivationen selbstverständlich sein, denn niemand kann heute mehr die Welt neu erfinden. Es geht nur noch ums Verändern, Verbessern und Optimieren. Der Vergleich von reinen Kennzahlen bietet kein ausreichendes Potenzial mehr, um sich zu verbessern, ein strukturiertes Vorgehen in der Branchenbeobachtung ist unerlässlich. Benchmarking ist keine Quantität, sondern eine Qualität. Wichtig sind die Ideen und Lösungen hinter den Kennzahlen, nicht nur die Kenntnis davon.

Überraschungen

Nach Auskunft des Berliner Informationszentrums Benchmarking (IZB) am Fraunhofer Institut läuft Benchmarking am effektivsten als Fünf-Phasen-Modell: Zielfindung; interne Analyse; Vergleich; Maßnahme; Umsetzung. Begleitet wird das Modell von theoretischen und praktischen Übungen zur Umsetzung von Erkenntnissen.

Das führt zu mehr Mitarbeiterzufriedenheit, folglich auch zur Steigerung der Kundenzufriedenheit. Die Philosophie "Mit offenen Augen durch die Welt gehen" unterstreicht auch die persönliche Weltoffenheit, die Lust am Lernen und die Freude auf ein Leben, das immer wieder Überraschungen bereithält. (DER STANDARD, Print-Ausgabe)

Durch die aufmerksame Beobachtung der Mitbewerber können die eigenen Stärken erkannt und gezielt ausgebaut werden.

Von Roland Mischke

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