Hekate in rosa Unerwäsche

16. November 2001, 20:02

Schwarze Lämmer, schwarze Hunde und Honig, das sind die Gaben, die der düsteren Göttin Hekate, der Herrscherin der -vorzugsweise drei-Wegkreuzungen, dargebracht wurden. Alles schon eine Weile her, möchte man meinen. Doch Elfriede Kern lässt die chtonische Göttin und Herrin der Zauberei wiederauferstehen. Allerdings ist ihre zeitgemäße Metamorphose eher eine Proletarisierung. Denn wer möchte sich schon eine vernachlässigte Vettel in unpassender rosa Unterwäsche als Göttin vorstellen.

Überhaupt geht es in diesem bizarren Roman mehr als merkwürdig zu. Zunächst hat es ja den Anschein, als ob es um die Geschichte des jugendlichen Herumtreibers Arthur ginge, der sich durch Renitenz den Erziehungsversuchen seiner frömmelnden Schwester zu entziehen versucht. Im Stadtwald trifft er einen Namensvetter, der den Jungen dazu verleitet, ihm in den Auwald zu folgen und der ihn auch gleich von seiner unbequemen Erzieherin befreit: er betäubt die Schwester und verschleppt sie in ein Baumhaus.

Ein bedenklicher Vorgang, der den kleinen rachsüchtigen Arthur indessen nicht besonders beunruhigt. Im Auwald, an der Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation gebietet die vergammelte Dame Maja alias Hekate über einen Trupp von Outlaws, den sie sich anscheinend von Robin Hood ausgeliehen hat. Den Unterhalt verdient man sich mit Überfällen auf Lastwagen, die man sehr gekonnt auf einer dreigabeligen Wegkreuzung ineinanderkrachen lässt. Maja bereitet gerade ihr alljährliches Fest vor, Opfergaben müssen gesammelt werden; die gekidnapten Lastwagenfahrer und der kleine Arthur kommen da nicht ungelegen.

Arthur ist allerdings kein armes Opfer, sondern ein recht boshafter Tölpel der sich mit seiner aufgesetzten Naivität aus alle Misslichkeiten herauswindet.

Kern schildert das unfassbare Treiben mit großer Ruhe und Selbstverständlichkeit, was das Ganze nur noch beunruhigender macht. Klassische Motive der schwarzen Romantik, Reminiszenzen an Gruselfilme und Mythen, Märchen und Schelmenromane verbindet sie zu einer originellen Fabel über den allmählichen Verlust der Humanität. Kein Zweifel, die aus Bruck an der Mur gebürtige Autorin ist mit ihrem gelassen Ton und ihrer durchaus befremdlichen Erfindungsgabe ein ganz eigene Stimme in der rezenten österreichische Literatur. []

Elfriede Kern, Schwarze Lämmer. öS 285.-/EURO 20,70/ 178 Seiten. Jung und Jung, Salzburg 2001.

Elfriede Kern wandelt an der Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation Von Ingeborg Sperl
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