Eins in die Fresse, mein Herzblatt

16. November 2001, 20:02

Dieses Buch kommt uns gerade recht. Aus Büchern kann man nämlich lernen. Und wer nicht aus der Geschichte lernen will, der ist verdammt, sie zu wiederholen. Immerhin hat die Ballermann-Fraktion von Mallorca spätestens unter der Führung von DJ Ötzi mit Techno gerade eine historisch ähnliche Eingemeindung, nein, Einsegnung in die deutsche Sauf- und Spaßkultur zustande gebracht, wie sie jetzt Jürgen Teipel in Verschwende Deine Jugend am Beispiel des deutschen Punk zwischen 1976 und 1983 nachzeichnet. Jeder Anton aus Tirol hat im Familienstammbaum schließlich eine Nena oder einen Hubert Kah sitzen. Und wo sich heute ein Techno-Gründervater wie Jeff Mills die Haare rauft, standen diese damals einem Blixa Bargeld zu Berge.

In seinem dokumentarischen Roman versucht Teipel nichts weniger als den Aufstieg und Fall einer bis heute kulturell und gesellschaftlich nachwirkenden Revolte nachzuzeichnen - und warum es Verona Feldbusch ohne Punk nicht geben würde. Neben vor allem den Schockwert betreffenden Parolen wie "No Future!" oder den drastischen Hakenkreuz-Binden lautete die Kernaussage von Punk fröhlich-anarchistisch: "Jeder kann es" - selbst um den Preis, dass er nichts kann.

In einem alten handkopierten britischen Punk-Fanzine fand man 1976 die Grifftabellen von A-Dur, E-Dur und G-Dur abgedruckt. Darunter stand in krakeliger Schrift: "Das ist ein Akkord. Hier kommt noch einer. Und das ist ein dritter. Gründe jetzt eine Band!" Ab dafür! Der vielfach gelesene historische Irrtum, dass es sich bei Punk um eine negative, ja, nihilistische und destruktive wie selbstzerstörerische Subkultur-Bewegung gehandelt hätte, wird zumindest mit diesem durchaus positiven Aspekt zu einem Gutteil widerlegt. Punk bedeutete damals wegen der bedrückenden und repressiven Atmosphäre eines wegen des RAF-Terrors im buchstäblichen Herbst befindlichen Deutschlands auch einen Befreiungsschlag. Es ging weniger darum, mit politischen Mitteln gegen "das System" zu kämpfen. Punk war nie explizit politisch ausgerichtet. Es ging darum, sein Leben selbst zu organisieren. Nicht die Kultur der deutschen Spießer und auf der Gegenseite auch das verhasste Hippietum sollte mit postmodernen Theorien wie "Subversion durch Affirmation" unterwandert werden. Das kam erst alles mit New Wave ab 1982. Es ging erst einmal darum, den 68er-Spruch von ,,Mach kaputt, was dich kaputt macht'' zu radikalisieren.

Am Anfang wohl jeder Revolution steht die Zerstörung. Weg mit dem Alten, und das radikal! Das Übel an der Wurzel packen. Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts galt bei Künstlern die Auseinandersetzung mit verhassten bürgerlichen Symbolen als selbstverständlicher Teil der künstlerischen Praxis. Und als gut 100 Jahre später in den 60er Jahren mit der Aktions- und Performancekunst dieser durchaus nihilistische Prozess in eine neue und gewalttätige Phase trat und die bis dahin unvereinbaren Pole Kunst und Leben zusammenbringen wollte, war die Rollbahn gelegt für das, was Ende der 70er Jahre mit den Sex Pistols über die Welt kommen sollte. Mach kaputt, was dich kaputt macht! Das sicher auch. Vor allem aber: Mach kaputt, was dir Spaß macht! Zorn kombiniert mit einem heiligen Unernst. Den Spießern im Anzug wie in den Jesusschlapfen sollte nicht nur eine in die Fresse geschlagen werden. Es sollte dabei auch noch gelacht werden. Zerstörung schafft Befreiung, daraus entsteht Neues. Was das genau sein soll konnte und kann keiner sagen. Denn Utopien, Hoffnungen, Sehnsüchte waren nicht der Motor von Punk. Hier ging es, anders als bei der Aktionskunst der 60er Jahre, die zudem noch mit dem Joch einer idealistischen Metaphysik gestraft war, um die blanke Lust, die Widerwärtigkeit der Welt auf ein erträgliches Maß zusammenzuhauen.

Jürgen Teipel lässt diesbezüglich in Verschwende Deine Jugend alle damals wesentlichen Protagonisten des Punk zu Wort kommen. Peter Hein, legendärer Sänger der Fehlfarben ("Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!") und die Einstürzenden Neubauten erinnern sich an die wilden Zeiten ebenso wie Robert Görl und Gabi Delgado von der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft (,,Verschwende Deine Jugend!"). In der aus gut 1200 Seiten Interview-Material montierten, chronologisch wie inhaltlich geordneten Abfolge von Originaltönen wird nicht nur die glorreiche Revolte zwischen krachenden Gitarrenverstärkern, eingeschlagenen Nasen und billigen Drogen nachgezeichnet. Es geht hier auch um das baldige Scheitern dieses Aufstands. Im Falle von Punk nannte sich das "Neue Deutsche Welle". Die machte ab den frühen 80ern vor allem mit Nena oder Markus oder Peter Schilling so viel Spaß, dass viele alte Punkhelden wieder im Elend von Mc-Jobs endeten, im jahrelangen Drogennebel - oder in der Psychiatrie. Nur die Toten Hosen überlebten. Aber das ist eine andere, eine traurige Geschichte. Was lernt man aus alten Parolen wie "No Future" oder "Ja zur modernen Welt"? Ach, gründen Sie gefälligst selber eine Band! []

Jürgen Teipel, Verschwende Deine Jugend. öS 145,-/EURO 10,55/ 376 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001.

Wie der Punk über Deutschland kam Von Christian Schachinger
Share if you care.