"Seht ! Das bin ich ! !"

16. November 2001, 20:02

Der Mann ist intensiv, unmittelbar, brachial. Er ist zärtlich, cholerisch, exzessiv, vulgär, jederzeit präsent - und seit bald zehn Jahren tot. Allein: Einem mit dem Ego Klaus Kinskis macht das nichts aus. Er hat etwas hinterlassen: Edgar Wallace-Filme, besprochene Schallplatten, legendäre Tobsuchtsanfälle. Und Gedichte.

Am 27. April 1999 gelangt im Münchener Auktionshaus Zisska & Kistner das "Konvolut 192" zur Versteigerung. Für umgerechnet 20.000 Schilling bekommt der Geschäftsmann und Kinskibewunderer Peter Geyer den Zuschlag für den Pappkarton. Dessen Inhalt: Gedichte Kinskis aus den frühen 50-er Jahren, aus dem Nachlass einer verstorbenen Geliebten des Schauspielers.

Geyer hat einen fein edierten Lyrikband daraus gemacht: Fieber. Tagebuch eines Aussätzigen. Das Vorwort dazu hat Thomas Harlan, der Sohn des "Jud Süß"-Regisseurs Veit Harlan, geschrieben. Darin ist viel über die Entstehung Kinskis Gedichte zu erfahren und noch mehr über deren besessenen Autor. Einen Enthusiasten, der, als Nikolaus Günther Nakszynski 1926 nahe Danzig geboren, immer und in allem über sich hinaus wollte.

Kinski findet, schreibt Harlan über eine gemeinsame Reise, eine schwindsüchtige Norwegerin auf einer Parkbank in Paris. Er beschließt, die 16-Jährige zu pflegen. 14 Tage liegt Bergell, Kinski nennt die Kranke nach seinem Graubündner Lieblingstal, in der Dachkammer des Grand Hotel des Balcons, in der er mit Harlan wohnt.

Das Mädchen gerät von einem Fieberschub in den anderen; Kinski schreibt Gedichte dazu, und haucht sie Bergell ein - "in fieberartigen Aufwallungen rezitiert, ungepflegt, von Gebrüll, Schreien begleitet" (Harlan). Es geht um Eiter, Schorf, Ratten, Pisse; um Huren, eine kranke, abstoßende Welt - geschrieben in atemlosem Tempo, mit ekstatischem Gestus.

Als ihn der Gefährte zu sehr stört, flieht Kinski mit seiner Geliebten tatsächlich ins Bergell. Kurze Zeit später kehrt er nach Paris zurück. Der Fieber-Zyklus ist abgeschlossen, das Mädchen verschwunden. Kinski verliert nie wieder ein Wort über seine hustenkranke Muse. Dafür bringt sich der Dichter umso emphatischer selbst ins Spiel: "Seht! Das bin Ich!! Ich bin das Mördereisen meiner eigenen Seele".

Nach der Rückkehr aus Paris 1953 macht Kinski Karriere - Seht! Das bin ich!! - mit dem, was er am Besten kann: Er stellt sich selbst dar ("Ich bin kein Schauspieler, ich bin so wie ich bin"). Kinski spielt sich selbst im Theater in Berlin, München und Wien, wo er nach einer einzigen Tasso-Vorstellung hinausgeworfen wird. Er spielt sich selbst als Rezitator von Villon, Rimbaud, Wilde oder Brecht. Er spielt sich als gedankenverhangenen Unzurechnungsfähigen in den Edgar Wallace- Filmen, als inbrünstigen Reserveerlöser bei seiner Jesus-Lesetour, als schmierigen Bösewicht in Spaghetti-Western.

Bei Werner Herzog dürfen Aguirre, Nosferatu, Fitzcarraldo sein wie der "ehrliche Exhibitionist" (Helmut Qualtinger über Kinski). Mit Paganini verglüht die größenwahnsinnige "Rampensau" (Georg Seeßlen) an der Strahlkraft des eigenen Anspruchs - Seht! Das bin ich!! Das Mördereisen meiner eigenen Seele.

In der Nacht des 23. November 1991 stirbt Klaus Kinski in seinem Haus in Lagunitas/Kalifornien an Herzversagen. Zu seinem Sohn Nanhoi sagte er kurz zuvor: "Die Menschen werden von mir sagen, dass ich tot bin. Glaube ihnen nicht! Sie lügen! Ich kann niemals sterben." []

Klaus Kinski, Fieber, Tagebuch eines Aussätzigen. öS 364,-/ EURO 26,45/
128 Seiten. Eichborn, Frankfurt am Main 2001.


Peter Reichelt, Ina Brockmann, Klaus Kinski, Ich bin so wie ich bin. öS 358,-/EURO 26/288 Seiten. dtv, München 2001.

Zehn Jahre ist Klaus Kinski tot, jetzt sind seine frühen Gedichte aufgetaucht Von Christoph Prantner
Share if you care.