Das Buch, das gefehlt hat

16. November 2001, 20:02

Manches Buch hofft man sich ersparen zu können, um später doch zu erkennen, dass es genau dieses Buch war, das einem gefehlt hat. Ein solches Buch ist Nekropolis, das im slowenischen Original 1967 erschienen ist und jetzt mit großer Verspätung auch den deutschen Sprachraum erreicht hat. Boris Pahor erzählt darin von einem schönen Sommertag in den Sechzigerjahren und von der Höllenfahrt, auf die er zwanzig Jahre zuvor durch die Konzentrationslager Natzweiler, Dachau, Dora-Mittelbau, Harzungen, Bergen-Belsen geschickt wurde. Um davon reden zu können, was ihm widerfahren ist, hat der Autor durch ein langes, lebensbedrohliches Schweigen gehen müssen, und er zweifelt auch in seinem Erinnerungsbuch noch stetig daran, ob es zulässig ist zu berichten, was er berichten muss: "man kann sich über den Tod wie über die Liebe doch nur mit sich selbst unterhalten . . . Weder Tod noch Liebe ertragen Zeugen." Zögernd, sich selbst ins Wort fallend, die Fragwürdigkeit des Erinnerns, Schreibens, ja Überlebens bedenkend, erzählt Pahor indes gerade davon: vom Tod und von der Liebe.

Eines friedlichen Sonntags kehrt der slowenische Schriftsteller nach Natzweiler, das Lager in den Vogesen, zurück, in das er im Januar 1944 deportiert worden war. Er geht, eine Gruppe von pflichtbewusst erschütterten Touristen in Hörweite, die Wege und Treppen, die er damals gegangen ist, zuerst als Häftling unter Tausenden, dann als Krankenpfleger, schließlich als Träger der Toten: oben der Galgen, unten die Verbrennungsöfen, dazwischen die Baracken der Häftlinge. Jetzt ist Natzweiler eine viel besuchte Gedenkstätte, eine "nécropole nationale", damals war es ein Lager, in das eine Internationale der Verdammten gepfercht wurde: Franzosen, Niederländer, Polen, Ungarn, Slowenen, Kroaten, Serben, Italiener. Sie Gefährten zu nennen, fällt dem Überlebenden nicht leicht, denn die systematische Entwürdigung hat Solidarität kaum zugelassen: "Keine Lehrbücher werden je die Stimmung jenes Menschen wiedergeben können, der den Eindruck hat, sein Nachbar habe um einen halben Finger mehr gelbe Flüssigkeit in seine blecherne Schüssel eingeschenkt bekommen."

Und doch ist dieser Bericht, der vom elenden Verrecken, Verhungern, Austrocknen, Erfrieren, vom grausam verlängerten Erhängen und allgegenwärtigen Tod erzählt, auch ein großes Freundschaftsbuch, das die Liebe in den geringsten Gesten der Hilfe, des Zuspruchs, der Zärtlichkeit beschwört. In Natzweiler steht heute ein 45 Meter hoher Obelisk, vor dem "jeder Franzose, der in der deutschen Krematorienwelt zu Staub wurde, sein eigenes Kreuz hat". Ein anderes Monument, in das Pahor die Namen seiner Gefährten halb Europa eingraviert, ist dieses Buch.

Da sind Ivo, der alte slowenische Freund, Tomaz, der sterbend vom schweren Rotwein seiner Heimat Istrien träumt, der Ungar János, der französische Arzt André, der hünenhafte Norweger Leif, der kroatische Frauenheld Vlado, der keine Frau mehr sehen wird, da sind die vielen anderen, mit denen er die gerade Verstorbenen schwankend die Treppen hinuntertrug und von denen endlich selbst viele zu den Verbrennungsöfen getragen wurden. Es ist wie ein Akt des Widerstands, dass Pahor seine Mitgefangenen, die ihrer Individualität beraubt und als Namenlose ermordet wurden, gerade als Individuen zu würdigen versucht: Er referiert ihre außerhalb des Lagers zurückgelassenen Biografien, skizziert ihren Charakter, beschreibt ihre Art zu überleben und zu sterben. Und immer wieder wird ihm daraus ein Lob der Freundschaft, ein Preis der Menschen, die im Angesicht des Todes, zermürbt von Hoffnungslosigkeit und Hunger, doch so etwas wie Gemeinschaft zu behaupten suchten, da einen Kranken retteten, dort einem Sterbenden den letzten Dienst erwiesen.

Einer von ihnen ist Gabriele, der Italiener. Erschrocken wurde der Häftling Pahor damals gewahr, dass zwischen ihnen beiden ausgerechnet hier, "im Umfeld des Ofens", eine Begegnung möglich war. Das ist nicht selbstverständlich, denn Pahor wurde 1913 als Angehöriger der slowenischen Minderheit im Hinterland Triests geboren, und das hieß, dass er die nationale Entrechtung von klein auf erfuhr. 1920 brannten italienische Nationalisten in Triest das slowenische Theater nieder, und die Faschisten erließen eine Serie von Gesetzen, die den Slowenen das nationale Überleben erschweren sollten. In der Schule spuckte der italienische Lehrer jenen Kindern, denen ein Wort in ihrer Muttersprache entkommen war, in den Mund, und "die Ungeheuerlichkeit erreichte ihren Höhepunkt, als man Tausenden und Abertausenden die Vor- und Nachnamen änderte, jedoch nicht nur den Lebenden, sondern auch denjenigen, die schon auf dem Friedhof lagen."

Im Lager treffen der Slowene und der Italiener aus derselben, der national strikte getrennten Stadt aufeinander, offenbar nur hier ist es ihnen möglich, über die Schranke ihrer Nationalität zueinander zu finden: "Kann dir ein Italiener aus Triest nur dann näher kommen, wenn er selbst in Gefahr ist, vernichtet zu werden?"

Was ihn schon als Schulkind so viel Unrecht erfahren ließ und ihn später ins Lager brachte, dass er ein Slowene war, das rettete Pahor in Natzweiler womöglich das Leben. Als Angehöriger einer kleinen Nation hatte er schon früh das Talent, fremde Sprachen zu erlernen, genutzt, und als der Lager-Arzt merkt, dass dieser Häftling sich nicht nur mit allen Slawen, sondern auch mit Italienern und Franzosen unterhalten kann und sogar die deutschen Anweisungen versteht, macht er ihn zu seinem Gehilfen.

Dem Konzentrationslager entronnen, hat sich Pahor nur langsam damit abgefunden, überlebt zu haben. Die schmerzhafte Rückkehr ins Leben ist das Thema seines grandiosen Romans Der Kampf mit dem Frühling, den er als Vierzigjähriger schrieb. Als der Roman um die Welt ging und 1997 auch im deutschen Sprachraum respektvolle Aufnahme fand, war sein Verfasser bereits über achtzig. Die verspätete Resonanz hängt damit zusammen, dass Pahor, der Überlebende, 1945 nach Triest zurückkehrte. Dort aber war mit dem Faschismus längst nicht auch der nationale Dünkel besiegt worden. Vielmehr hat sich an der schändlichen Ignoranz, mit der das italienische Triest die slowenische Bevölkerung der Stadt und der Region schon immer abzuweisen pflegte, bis heute nicht viel geändert. Daher mussten auch die Bücher des Triestiners Pahor jenseits der Grenze, in Slowenien, erscheinen, von wo bekanntlich selbst Literatur von Weltrang kaum je der Welt zu Kenntnis gelangt. Wie Der Kampf mit dem Frühling ist auch Nekropolis nicht über das nahe Italien, sondern auf dem Umweg über die USA und Frankreich, wo Pahor mittlerweile im Range eines Primo Levi steht, zu uns gekommen.

Die Lektüre dieses Buches, das gestochen scharfe, unvergessliche Bilder des Schreckens bietet, würde man sich gerne reinen Gewissens ersparen dürfen. Aber auch wer glaubt, sich bereits ausreichend viele Studien, Berichte, Romane über die Welt der Konzentrationslager zugemutet zu haben, wird feststellen, dass es genau dieses eine Buch war, das ihm bisher gefehlt hat. []

Boris Pahor, Nekropolis. Aus dem Slowenischen von Mirella Urdih-Merkú. öS 263,-/EURO 19,11/279 Seiten. Berlin-Verlag,
Berlin 2001.


Hinweis: Boris Pahor liest am 20. 11. um 19 Uhr im Literarischen Quartier Alte Schmiede (Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) aus dem besprochenen Band.

Warum uns Boris Pahors "Nekropolis" so spät erreicht Von Karl-Markus Gauß
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