Im Schatten der Katastrophe

29. November 2001, 14:32
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Mit der Neuübersetzung der "Jungen Rebellen" von Sándor Márai ist die Literatur um einen Adoleszenzroman-Klassiker reicher

Ich möchte hier die Wahrheit schreiben. An die Wahrheit gewöhne ich mich wie der Schwerkranke an die lebensgefährliche, bittere Medizin; möglich, daß sie tötet, aber vielleicht hilft sie; im Grunde genommen habe ich nichts zu verlieren."
Bekenntnisse eines Bürgers

Bei seiner Wiederentdeckung auf der Frankfurter Buchmesse 1999 ging ein Sturm durch den Blätterwald: Erstaunen und Bedauern, einen der "Großen des Jahrhunderts" nicht gekannt, gar übersehen zu haben. Zwei Jahre später gewinnt langsam der gegenteilige Reflex Oberhand. Mehr Können als Kunst sei diese Literatur, hart am Klischee, ja am Kitsch vorbeischrammend, heißt es immer öfter, ein Blendwerk, das, so kürzlich in der NZZ zu lesen, wäre es früher entdeckt worden, schon längst aus dem Nest des Feuilletons herausgefallen wäre.

Die Rede ist von Sándor Márai, Jahrgang 1900. Im oberungarischen Kaschau als Sohn eines Anwalts aufgewachsen, ging er mit 19 Jahren nach Deutschland, arbeitete sich binnen Kürze zum Starschreiber der Frankfurter Zeitung empor, bereicherte das Berlin der 20er um einen Dandy (sich selbst) und die Nachwelt in den Bekenntnissen eines Bürgers von 1934 mit meisterhaften Schilderungen dieser fruchtbaren Epoche, inklusive einer der differenziertesten Kurzanalysen der deutschen Mentalität. Weitere Stationen dieses rastlosen Lebens sind Paris, Italien, dann wieder Ungarn, wo er in den 30ern einer der gefeierten Autoren wird, und schließlich, 1948, die Emigration in die USA. Nach dem Tod seiner Frau Lola, einer Halbjüdin, und seines Adoptivsohns nahm er sich dort 1989 das Leben. Zehn seiner insgesamt 21 belletristischen Werke waren einst auf Deutsch erhältlich. Nun plant der Piper Verlag, im Besitz der deutschsprachigen Gesamtrechte, die "Highlights", wie man sich ausdrückt, in neuer Übersetzung herauszubringen. Und das aus guten Gründen: Die Glut (1999) und Das Vermächtnis der Eszter (2000) waren Bestseller, sind am Theater zu sehen, sogar eine Verfilmung der Glut mit Anthony Hopkins wird kolportiert.

Was ist das Geheimnis von Márais Erfolg? Dass er eine Geschichte, bestehend aus einem überschaubaren Kreis von Personen und einer klaren Handlung, klassisch schlicht und sinnlich zu erzählen vermag - so wie es Kritiker immer wieder vergeblich einfordern von zeitgenössischen Autoren? Mit einem Spannungsbogen, der den Leser bis zum Schluss in Atem hält? Dass man in jeder Zeile das Ringen mit der Wahrheit spürt, ihrer schmerzlichen Schönheit? Dass er noch mit Entschiedenheit die großen Fragen der Menschheit stellt, nach dem Wert von Liebe, Treue und Verrat? Und das ohne erhobenen Zeigefinger und mit Achtung vor der Komplexität des Lebens?

Sicherlich kann man Márai nicht in einem Atemzug nennen mit Kafka, Musil oder Beckett, aber wenn es eine perfekte Erzählkunst gibt, dann findet man sie hier. Freilich, ein wenig konservativ ist die Welt des Sándor Márai - inklusive Habsburgernostalgie und dem ungebrochenen Ideal der Männerfreundschaft. (Im literarischen Werk kommt seine Frauenfeindlichkeit glücklicherweise weniger zum Vorschein als in den sonstigen Schriften.) Aber sein Zug ins Schicksalhafte fällt wahrscheinlich gerade in Zeiten fehlenden religiösen und ideologischen Rückhalts auf fruchtbaren Leser-Boden. In den Bekenntnissen gesteht Márai seine Bewunderung Freuds, "aber als Heilmethode kann ich das nicht akzeptieren, weil ich nicht daran glaube, daß man den Charakter verändern kann". Bei ihm müssen die Menschen handeln, wie sie handeln - muss alles kommen, wie es kommt, und seien auch, wie in der Glut, über vierzig Jahre vergangen.

Auch in seinem soeben erschienenen Roman Die jungen Rebellen, mit dem ihm 1930 der literarische Durchbruch gelang, geht es um Treue und Verrat, um Sünde und Läuterung, um Menschen, die wissen, dass das, was passiert, wenn schon nicht sinnvoll, so doch notwendig ist. Es handelt sich um ein erstaunlich frühreifes Werk, manchmal stilistisch noch etwas unbeholfen, was leider durch den merkwürdigen Gebrauch der Zeiten der Übersetzung noch verstärkt wird. Dennoch ist es bereits eine vollendete, aufregend unaufgeregte Prosa von evokativer Kraft, mit überzeugender Psychologie und Perspektivwechseln. Einzelne Szenen prägen sich - wie die Jagdszene in der Glut, der morgendliche Geruch des Waldes - tief ins sensorische Gedächtnis ein, etwa das Geigenspiel des Vaters des Protagonisten Ábel, dessen Kampf "mit dem sich wehrenden, störrischen Instrument".

Schauplatz ist eine ungarische Kleinstadt, "klein, sauber und bunt, wie die Spielzeugstadt in einer Schachtel", im Frühsommer 1918. "Der Krieg ist weit weg von hier. Nur wie Flugasche eines fernen Großbrands fällt etwas vom Unrat des Krieges auf die Stadt." Aber in sechs Wochen sollen die Absolventen des Gymnasiums eingezogen werden - auch der sensible Arztsohn Ábel, der sportliche, hübsche Tibor, Sohn des Obersten von Prockauer, der quirlige Kaufmannsspross Béla und der nervöse, schwermütige Ernö. Sie sind die Clique, "aneinandergefesselt in (...) einer Bindung, deren Ursache sie nicht kannten, deren Zwangsläufigkeit sie aber spürten". Am Nachmittag nach den Prüfungen stellt Ábel fest, dass einer von ihnen mit gezinkten Karten gespielt hat. Kaum zwei Tage später geht die Clique auseinander. Naturgemäß ist Die jungen Rebellen ein Psychogramm einer längst vergangenen Epoche - in der die Jugend noch auf ihre Vorstellungswelt angewiesen, die Selbstbefriedigung verboten und die Macht der Väter grenzenlos war. Doch 1918 sind die Väter abwesend, im Feld, geistern durch die Fantasie ihrer Söhne als Mörder, Beinamputierer oder heimkehrende Rächer. "Ábel wird eines Tages in irgendeiner Großstadt leben und das Wort ,Weltkrieg' aussprechen, sich dabei jedoch an nichts anderes erinnern als an Tibor oder an Amadé, an eine gewisse Beklommenheit und Neugier."

Die jungen Rebellen erzählt den Krieg aus der Sicht der Daheimgebliebenen, der Kinder und Frauen, der Verwundeten und Außenseiter. Da ist Lajos, Tibors Bruder, der einen Arm verloren hat, Ernös Vater, der Schuster, ein kauziger Prediger für Gottes Reich und die "neue Ordnung zwischen Arm und Reich", und der fette Schauspieler Amadé, "ein entarteter Zwerg mit Riesenkörper und Perücke, den man zum Amüsement der Erwachsenen engagiert hat und der am Abend müde und enttäuscht zu seinen Zwergenkameraden zurückkehrte". Nur ihnen, die sich im gleichen "Schwebezustand zwischen der Kindheit und der Welt der Erwachsenen" befinden, vertrauen die Jungen, sich unter einer "Art Glasglocke" aus den Splittern ihrer Kindheit versteckend, durch die sie mit "schmerzlicher Grimasse auf die andere Welt schauen".

Fern vom Massenschlachten rächen sie sich an den despotischen Gesetzen ihrer Kindheit mit ihrem eigenen Krieg, mit Spielen, die gefährlich sein müssen und uneigennützig, exzentrisch und zweckungerichtet. Doch das Spiel eskaliert, entgleitet ihnen. Der Diebstahl kleiner Geldbeträge und die harmlose Versendung von Blumensträußen an Geistliche werden abgelöst von luxuriösen Verkleidungsspielen und der waghalsigen Entwendung von Wertgegenständen der Väter. Aus Platzgründen muss ein bald ein Zimmer außerhalb der Stadt angemietet werden, wo die Jungen kühner werden und sich an ihre eigenen Schamgrenzen wagen. In so genannten "Angstnachmittagen" beichten sie sich ihre schmerzhaftesten Erlebnisse - einer der Höhepunkte des Romans. Aber dann fliegen die Fehlbeträge in der Kasse von Bélas Vater auf, und das Familiensilber der Prockauers wird heimlich verpfändet . . .

Der Countdown, wohl der erste der gekonnten Máraischen Showdowns (das Filmvokabular scheint hier durchaus angebracht), beginnt in der Mitte des Buchs. Statt des üblichen Bordellbesuchs veranstaltet Amadé für die Clique ein Fest ohne Zuschauer im Stadttheater, zu dem er die verblüfften Jungen professionell kostümiert. "Hier fehlt noch ein wenig Enttäuschung", kommentiert er den unter seinen Händen alternden Ábel. "Und hier noch etwas Zweifel. Da noch (...) ein bißchen Einsicht und Überlegenheit, dazu etwas Hilfloses und Versöhnliches." Die Inszenierung einer Schifffahrt im Sturm artet aus zu einem wilden Gelage und endet in einer ungeplanten Meuterei, nach der die Jungen im wahrsten Sinne des Wortes am Ufer der Realität stranden.

Von der Anzeige, dass bei einer Orgie mehrere Knaben "verdorben" worden seien, erfahren Ábel und Tibor am nächsten Tag beim Pfandleiher Havas, der seine Machtposition dazu ausnutzt, ihnen, nachdem er sein mittägliches Kilo Fleisch verschlungen hat, eine Rede zu halten - einer von Márais glänzenden kathartischen Monologen, wenn "es" plötzlich aus jemandem spricht und er sagt, was zu sagen ist (wie es leider im wirklichen Leben nur selten vorkommt). Und dieses Fazit fällt beim jungen Márai überraschend offen, fast modern aus.

Man könnte sich fragen, warum schon wieder die einzigen Juden, Amadé und Havas, die Verführer und Betrüger sein müssen, aber das hieße die Augen verschließen vor der eigentlichen Qualität der Geschichte. Denn die schmierigsten Gestalten des Romans sind in ihrem Leiden, ihrer Greifbarkeit zugleich auch die menschlichsten. Wo die Väter, unehrlich und unnahbar, versagen, müssen sie den Jungen erklären, wie das Leben wirklich ist. "Die Dinge sind nicht so einfach, wie der Mensch sich das vorstellt", sagt Havas. "Man kann nicht sagen, das bist du, so bist du. (...) Was der Schauspieler gemacht hat? Ob die jungen Herren schuldig sind? Selbst wenn sie das gemacht haben, wovon die Anzeige spricht, bleibt für mich immer noch fraglich, ob sie schuldig sind." Das Silber bekommt die Clique zurück, und die so genannte Verführung - in der ein entrückter Amadé den als Mädchen verkleideten Tibor gierig küsste - wird trotz Aufbauschung seitens der Gutbürger von den Jungen richtig eingeordnet. "Großer Gott", denkt Ábel angesichts der Landkarte Afrikas. "Was tut es schon, daß der Schauspieler Tibor geküßt hat."

Übrig bleibt die Erkenntnis, gerade durch die Rebellion gegen die Welt der Eltern hineingeschlittert zu sein in Schuld und Verstrickung, die Gegensätze zwischen Arm und Reich. Und das Entsetzen über die Rachegefühle des sozial Erniedrigten. Ernö, der sie nicht nur im Kartenspiel betrogen hat, fasst es, kurz bevor er sich erschießt, in die Worte: "Es gibt Menschen ... Das ist das Verhängnis."

Bekenntnisse eines Bürgers. Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. öS 145,-/EURO 10,54/420 Seiten. Piper, München 2000.

Himmel und Erde. Betrachtungen. Aus dem Ungarischen von Ernö Zeltner. öS 277,-/EURO 20,13/341 Seiten. Piper, München 2001.

Die jungen Rebellen
Aus dem Ungarischen von Ernö Zeltner
öS 263,-/EURO 19,11
278 Seiten. Piper, München 2001.
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