Mieterin nahm ihr Loos-Denkmal mit - von Daniel Glattauer

2. Mai 2005, 20:13
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Angeklagt ist eine Wiener Geschäftsfrau wegen Verletzung des Denkmalschutzes und wegen Sachbeschädigung. Sie hat getan, was wir alle tun, wenn wir unsere Wohnungen räumen: die wertvollsten Gegenstände mitnehmen. In ihrem Fall waren es eine Wandverkleidung aus Holz, zwei Schränke und eine Tür - gebaut von Adolf Loos.

"Anfangen müssen wir 1928", seufzt der Richter. Falsch: 1897. Damals statteten junge Architekten für den Hofschneider Ebenstein am Kohlmarkt Nr. 5 in Wien ein Prunkgebäude aus. 1928 mietete der Großvater von Frau Elisabeth darin ein Geschäftslokal an. Die Enkelin führte den Textilgroßhandel bis in die späten 90er-Jahre. "Dann hab' ich das Lokal auf unfeine Art verloren", sagt die 54-Jährige. Die Generali-Versicherung hatte mehr Platz gebraucht. Und Frau Elisabeth war zur falschen Zeit zu lange in Amerika.

Mit einem Bescheid aus dem Jahre 1991 wurden die Räume unter Denkmalschutz gestellt. Ein mystischer Bescheid - denn davon Bescheid wusste niemand, allen voran (nicht): Frau Elisabeth. "Ich war immer der Meinung, dass das Inventar mein Eigentum ist", sagt sie: "Und ich bin es noch heute." Kein Mensch hatte ihr je verboten, Veränderungen im Haus vorzunehmen. Überdies wurde die Holzwand vor dem Abtransport (in ein Lager) von einem Restaurator fachmännisch entfernt. "Sein einziges Werkzeug war ein Schraubenzieher", sagt Frau Elisabeth. Beschädigt wurde nichts.

Übrigens: Der 1991 erlassene Bescheid ist 2001 noch immer nicht rechtskräftig. "Was ist in den zehn Jahren passiert?", fragt der Richter die Hofrätin vom Denkmalamt. "1994 gab es eine Begehung", erwidert sie. - Sie hat den gleichen Humor wie der Richter. In einem anderen Fall ruht der Antrag auf Denkmalschutz seit mehr als 19 Jahren, erzählt sie. Dem zuständigen Beamten im Ministerium scheint es an Entscheidungskraft zu mangeln. "Aber er geht mit Jahresende in Pension", weiß die Zeugin. Der Prozess wird zur Beiziehung eines Sachverständigen vertagt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2001)

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