Verlorene Ökoradikalität - von Conrad Seidl

16. November 2001, 19:11
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Ach, was waren das für Zeiten, als die Umweltpolitik neu und die grüne Bewegung mehr ein Haufen Idealisten als eine Partei waren! Wurde ein Umweltproblem ausgemacht, wurde darauf losmarschiert, wurde blockiert (mit spitzfindigen rechtlichen Schritten oder eigenem körperlichen Einsatz) - ziemlich ohne Rücksicht auf Verluste.

Rücksicht nehmen auf gewachsene Strukturen, auf wirtschaftliche Zusammenhänge, auf Arbeitsplätze - das war nicht die Sache der Grünen. Sie wurden von vielen Österreichern eben deswegen gewählt: Ihre Radikalität in der Ökopolitik sollte angesichts der sichtbar geschädigten Umwelt eine gewisse Garantie dafür bieten, dass eben nicht der letzte Auwald gerodet, das letzte Alpental vom Verkehr überrollt oder gar ein Atomkraftwerk in der Nachbarschaft angesiedelt wird.

Grün-Wähler wählten die radikale Umweltpolitik als eine Art politischer Lebensversicherung. Und im Vertrauen darauf, dass die anderen Parteien das allzu Radikale schon ausgleichen würden, wurden an die Grünen Mandate verteilt.

Inzwischen sind die Grünen selber eine Partei des Ausgleichs geworden: Da ist nicht nur der stets staatstragend wirkende Parteichef, der weder Sitz- noch Osterweiterungsblockaden schätzt. Da ist auch ein Johannes Voggenhuber, der natürlich Recht hat, wenn er sagt, dass Österreich nicht gut die Tschechen und Ungarn durch ein Beitrittsveto dafür strafen kann, dass es mit seinen verkehrspolitischen Vorstellungen in Brüssel nicht durchkommt. Aber den Grün-Wählern, die bisher vor allem die erfrischende Ökoradikalität geschätzt haben, ist der Weg des vernünftigen Kompromisses schwer zu erklären, wenn gleichzeitig die FPÖ mit Aktionismus und Populismus bei Umweltschützern auf Stimmenfang geht.

(DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2001)
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