Riten zum Tage

16. November 2001, 18:50
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Kulturmix: "Les Ballets C. de la B." im Tanzquartier

Ursula Kneiss

Wien - Schwere Teppiche säumen das Bühnenparkett der Halle G im Tanzquartier. Auf einem hohen Podest thront Cellist Roel Dieltiens, der Kompositionen von Sofia Gubaidulina und Zoltán Kodály spielt. Auf der frontalen Holzwand ist ein arabischer Schriftzug zu erkennen: Drei junge Männer kauern am Boden, die zunächst nur schwer als Tänzer auszumachen sind. Eine Täuschung. Was Damien Jalet, Jurij Konjar und Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui in 80 Minuten präsentieren, ist perfekter Tanz, gepaart mit artistischem Können.

Ohne sich zu erheben, beginnen sie schwungvolle Bewegungen, drehen sich um die eigene Achse. Ein Gebetsritual? Immerhin suggeriert auch das Bühnenambiente mit wechselnden Lichteinstellungen den Tagesablauf in einer Moschee. Nur ein möglicher Anhaltspunkt: Cherkaouis mit Les Ballets C. (Contemporains) de la B. (Belgique) aufgeführtes Riens de Riens lebt von vielen inhaltlichen Fragmenten, spielt auf kulturelle Unterschiede oder auf rassistische Auswüchse an, setzt auf schnelle Brüche und überrascht mit klar artikulierten Texten und Gesang.

Ein Stilmix, der ganz in der Tradition des vor 16 Jahren in Gent gegründeten, multikulturellen Künstlerkollektivs steht. Man denke nur an die in Wien gezeigten Les Ballets C. de la B.-Arbeiten eines Alain Platel, der neben Wim Vandekeybus, Jan Fabre oder Anne Teresa de Keersmaeker zu den prominenten flämischen Theatermachern zählt.

Mit Rien de Riens hat der 25-jährige Belgier marokkanischer Abstammung, Sidi Larbi Cherkaoui, sein erstes, großes Stück geschaffen. Eine beachtliche Leistung, gelingt es ihm doch, den spontan wirkenden Ideenrausch in überzeugende Strukturen zu bannen.

Nicht nur das:
Er konfrontiert mit aufwühlenden Szenen, die mitunter sadomasochistische Züge tragen: Während ein Mann ein sakrales Lied singt, schlitzt sich der Partner den Unterarm auf. Dieser wird bis zum Ende hin wie ein Sterbender behandelt, geschleppt, getragen, auf den Kopf gestellt. Dazu im Kontrast kann man sich an Trivialem ergötzen, darf erkennen, wie aus "Nichtigem" durchaus nachvollziehbare Probleme erwachsen.

An der Rampe erzählen eine Frau (Angélique Willkie) und ein Mädchen (Laura Neyskens) ein von Gesten begleitetes Reiseerlebnis: Gastfreundliche Menschen laden zu Tisch, schlachten eine Ziege, bereiten sie zu. Was tun, wenn man seit Jahren kein Fleisch isst und schon gar nicht das einer treuherzigen Ziege? Dieses lebendige Stück ist voll von Beispielen dieser Art.

(DER STANDARD, Print, 17.11.2001)
Riens de Riens ist noch Samstag (20.00 Uhr), im Tanzquartier/ Halle G zu sehen. Karten: 581 35 91.
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