Alles zeigen, damit alle alles kaufen

25. Jänner 2004, 22:30
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„Harry Potter und der Stein der Weisen“ spart nicht mit aufwendigen Schauwerten, vergisst dabei aber auf das Herz von Joanne K. Rowlings märchenhaftem Bestseller

Ein übervoller Gabentisch garantiert noch lange nicht ungetrübtes Kinderglück: „Harry Potter und der Stein der Weisen“ spart nicht mit aufwendigen Schauwerten, vergisst dabei aber auf das Herz von Joanne K. Rowlings märchenhaftem Bestseller.
Claus Philipp

Wien – Über greise Magier mit langen Bärten zu schreiben ist eine schöne Sache. Sie dann auf der Leinwand zu zeigen, ein Problem. Zu Beginn von "Harry Potter und der Stein der Weisen" besteht Hoffnung, dass die Übung gelingen könnte. Richard Harris schreitet da als Albus Dumbledore (gibt es immer noch Menschen, die nicht wissen, dass er der Leiter der Zaubererschule Hogwarts ist?) durch eine britische Vor ortsiedlung. Er löscht Later nenlichter, noch hält sich John Williams’ Filmmusik zu rück – und der Schattenriss einer Katze verwandelt sich in die nicht minder erfreuliche Maggie Smith: Als Professor McGonagall ist sie die zweite magische Patin für jenes Baby, das wenige Minuten später vor die Tür der feisten, dreisten, liebenswürdig hassenswerten Familie Dursley gelegt wird. Wir sehen die Narbe auf der Stirn dieses Kindes. Die Vor freude, die man als "Harry Pot ter"-Leser (oder Vorleser) emp finden mag, droht in Rührung umzukippen – und dann er eignet sich leider das Unsägli che: Per Digitaltrick verwan delt sich die Narbe in das Mar kenlogo und die angestrebte Magie in Mummenschanz, und daran wird sich in den folgenden 150 Minuten kaum jemals etwas ändern. Nichts auslassen, alles zei gen: Dies war, kurz gesagt, das Konzept des Studios Warner Bros und des Regisseurs Chris Columbus (Kevin – Allein zu Haus).
Alles zeigen ist nur lei der nicht dasselbe wie alles empfinden. Überhaupt: „al les“ – darunter versteht die In dustrie eher alle Szenen, die ein geballtes Aufkommen von Aufwand und Action und Spezialeffekten gewährleis ten. Da wird Hogwarts als zu künftige Konkurrenz zu Dis neyland mit allen Erlebnis werten beschworen, als wär’s ein Tourismusclip. Quid ditch, Harrys Lieblingssport, wird gespielt, dass es nur so rauscht: Die Gameboy- und Playstation-Adaptionen dazu sind schon im Handel. Und wenn am Ende Potters Erz feind Lord Voldemort seinen ersten Auftritt feiert, dann wird er auf Teufel komm raus mumifiziert und pulverisiert.
Ablenkung total!
"Harry Potter " im Kino, das ist keine märchenhafte Ab handlung über Verlust und Einsamkeit (was Joanne K. Rowling in ihrer Vorlage nahe legt), sondern ein Großaufge bot an schnellen Reizen, mit denen man von dieser Trauer permanent ablenkt – nach dem Motto: Du hast jetzt alles, was du wolltest, also halt end lich den Mund. Die erste Szene in der Fami lie Dursley ist diesbezüglich unfreiwillig Programm: Har rys fetter Cousin Dudley klagt angesichts von 36 Geburts tagsgeschenken, dass er im Vorjahr 37 Paketchen erhielt.

Damit soll er in der Logik der Geschichte als herzloses Feindbild etabliert werden, aber: Gerade für ihn ist dieser Film wohl gemacht worden. "Harry Potter und der Stein der Weisen" ist eine derartige Geschenk-Kanonade, dass man in der Kinobestuhlung mitunter in Deckung gehen möchte. Nicht, weil das alles so spannend und unvorher sagbar wäre, sondern weil man förmlich erschlagen wird mit Momenten, in denen Freude und Staunen letztlich genauso Simulationen sind wie das, was hier als Magie nur behauptet wird. Dementsprechend reduziert sich das Repertoire von Harry- Potter-Darsteller Daniel Rad cliffe auf herziges Lächeln und: Augen auf, Kinnlade run ter, Wow! Damit sieht wohl jeder Mensch auf die Dauer ein bisschen blöde aus. Und besonders redundant wird diese Strategie der Produzenten, wenn sie sich damit be gnügt, Highlights aus dem Buch anzureißen und nicht fertig zu erzählen. Im Fall der Geburt eines liebenswerten kleinen Drachen namens Nor bert wird etwa eine einschlä gige Szene aus "Jurassic Park" herbeizitiert. Und dann kehrt man Norbert unter den Tisch wie auch die väterlichen Ge fühle, die der riesenhafte Waldhüter Hagrid (Robbie Coltrane) für ihn empfindet. Für Gefühle würde es einer Verlangsamung des Tempos und einer genaueren Perso nenzeichung bedürfen. Je doch: Alle Darsteller, und sei en sie auch so viel verspre chend wie Alan Rickman als Professor Snape, verkommen zu Statisten. Zu Visagen in ei nem überlangen Trailer, der permanent ausruft: Kauft Pot ter! Seht auch die nächsten sechs Filme!


Es wird noch besser werden! Der Haken an der Sache ist nur: Jetzt ist es (noch) nicht gut. Man muss sich vergegen wärtigen, was rund um Harry Potter im Kino zuerst ange dacht wurde: Joanne K. Row ling schwebte unter dem von ihr präferierten Regisseur Ter ry Gilliam (Brazil) wohl so et was wie eine Wiederauferste hung der Monty Pythons vor: Davon ist jetzt nur John Cleese als Hausgeist „Nearly Head less Nick“ übrig geblieben. Steven Spielberg wiederum, der erwog, die sieben geplan ten Potter-Bücher auf drei Filmspektakel zu verdichten, sah in Haley Joel Osment (<$4>The Sixth Sense<$0>) den idealen Ti telhelden. Er wollte ihn – qua si in einer Verkehrung von <$4>Ro ger Rabbit <$0>– in einem aus schließlich digital generierten Ambiente agieren lassen. Das leistet Columbus’ Film nur halbherzig. Teilweise sieht man manchen Tricks, etwa einem dreiköpfigen Riesen hund, die Eile, mit der der Film ins Kino kommen muss te, als Beschädigung an. Wir meinen nun: <$4>Harry Potter <$0>hätte den idealen TV-<> Adventvierteiler ergeben. Et was, mit dem man in gebüh render Sorgfalt wunderbare Familienabende verbringen hätte können. Die Zeit für sol che Familienabende ist wohl vorbei, und Adventvierteiler tragen keine milliarden schwere Spielzeugindustrie. Daher fliegen uns jetzt die Pot terabilien um die Ohren, aber Harry läuft Gefahr, dass man ihn aus den Augen verliert. P.S.: Wenn jetzt manche unserer jungen Leser anderer Meinung sind: Ihr seid herz lich eingeladen, sie zu äußern – etwa im Potter-Forum auf <$4>derStandard.at/Kultur<$0>. E-<> Mails unter „Betreff Harry Pot ter“ an <$4>info@derStandard.at<$0> .

(DER STANDARD, Print, 17.11.2001)

 

Ab Freitag im Kino.
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