Die heile Urlaubswelt wird zum Mythos

16. November 2001, 17:55
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Touristen leisten aber keine Trauerarbeit

Wien - Der Tourismus hatte schon immer zwei Gesichter. Der paradiesischen Seite hat man sich immer gerne zugewandt, das zweite Gesicht wurde bisher weitgehend verschwiegen. Spätestens der 11. September müsse die großen Reiseveranstalter nun zu einem Umdenken zwingen und sie dazu veranlassen, nicht mehr wie bisher nur eine heile Welt zu verkaufen. Das sei ein großer Fehler. In Zukunft gehe es darum, mit den Urlaubern endlich Klartext zu reden. Davon ist jedenfalls Horst Opaschowski, der internationale Freizeitforscher vom Hamburger B.A.T.-Forschungsinstitut, auf Standard-Anfrage überzeugt.

Bagatellisierungen reichen in Zukunft als Antwort auf Ängste der Feriengäste nicht mehr aus, weil die Grenzen des grenzenlosen Reisens erreicht seien, so der Wissenschafter. Die Philosophie von den schönsten Wochen des Jahres sei in eine tiefe Krise geraten, deshalb müsse die "Endstation Sehnsucht", der Traum von sorglosem Glück in der Sonne am Meer, neu definiert werden.

Schließlich wollten die Urlauber nicht nur mit der berühmten Urlaubsbräune, sondern auch mit heiler Haut wieder nach Hause kommen. Im Zweifelsfall entscheiden sie sich des halb mehr für Sicherheit als für Sonne - jedenfalls solange die Eindrücke einer Krise bzw. Katastrophe noch frisch im Gedächtnis haften.

Trotzdem glaubt Opaschowski nicht an eine anhaltende Reisezurückhaltung: "Die Reiselust wird durch dramatische Weltereignisse nicht dauerhaft gebremst." Freilich wird umgebucht.

Kurzzeitgedächtnis

Bereits die Erfahrungswerte nach der Golfkrieg- Krise 1991 haben gezeigt, dass rund sieben Prozent der Reisenden in der Folge von Fern- auf Nahziele umgeschwenkt sind. Etwa drei Prozent stiegen zudem nicht mehr wie geplant ins Flugzeug, sondern fuhren lieber mit Zug und Auto in den Urlaub. Vier Prozent wurden vorübergehend zu echten Reiseverweigerern.

Weil Urlaub allerdings als die populärste Form von Glück gilt, meint Opaschowski, dass sich der Urlauber seine wohlverdienten Ferien langfristig nicht nehmen lässt. "Der durchschnittliche Tourist leistet keine Trauerarbeit und hat ein chronisches Kurzzeitgedächtnis." Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung neige einfach dazu, mögliche Probleme eher zu verdrängen. (bach, DER STANDARD, Printausgabe 17.11.2001)

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