Mohammed Atef: Ein schweigsamer Stratege des Terrors

16. November 2001, 17:55
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"Strategischer Kopf" hinter den Anschlägen in den USA

Washington - Auf den Kopf des mutmaßlichen Terroristenführers Osama bin Laden haben die USA eine Prämie von 25 Millionen Dollar ausgesetzt - aber auch der frühere ägyptische Polizeioffizier Mohammed Atef war ihnen fünf Millionen Dollar (rund 75 Millionen Schilling) wert. Doch nach den jüngsten Erkenntnissen der US-Regierung wird diese Prämie nicht ausgezahlt werden müssen: Atef, der Militärchef von Bin Ladens El-Kaida-Netzwerk, soll bei US-Luftangriffen in der Nähe von Kabul getötet worden sein.

In den veröffentlichten US-Dokumenten wurde Atef nicht als Drahtzieher der Terroranschläge von New York und Washington genannt. Aber in den vergangenen Wochen hatten sich die Anzeichen dafür verdichtet, dass er der strategische Kopf hinter dem Plan für die Kamikaze-Aktionen vom 11. September war. Die britische Regierung soll Atef gemeint haben, als sie Anfang Oktober erklärte, "einer von Bin Ladens ältesten und engsten Mitarbeitern" habe die Anschläge geplant.

Die Fünf-Millionen-Dollar-Prämie für Hinweise zur Ergreifung Atefs wurde schon vor drei Jahren ausgesetzt, weil die US-Bundespolizei FBI in ihm den Drahtzieher der damaligen Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania sah. Für den Terrorismus-Experten Roland Jacquard, der das Netzwerk Bin Ladens als Beauftragter der Vereinten Nationen und des Europarats untersucht hat, gehörten zum "engsten Kreis" Bin Ladens zuletzt höchstens fünf Personen. Direkt hinter Bin Laden rangiere Atef, schrieb Jacquard in seinem Buch "Im Namen Osama bin Ladens". Eine Zeit lang habe Atef die strategische Planung des Netzwerks "El Kaida" gemeinsam mit Abu Ubaidah el Basnshiri betrieben, seit dessen Tod 1996 dann alleine.

Am 7. Oktober tauchte Atef auf einem Video des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera auf, auf dem Bin Laden die Drohung ausstieß, Amerika werde "nie wieder in Sicherheit" leben. Vor diesem Video-Auftritt war der weißbärtige Scheich bereits auf einem anderen Filmdokument zu sehen: Im Februar wurde er bei einem festlichen Anlass gemeinsam mit Bin Laden in der südafghanischen Stadt Kandahar gefilmt. Damals heiratete die Tochter Atefs einen der Söhne Bin Ladens. An der Hochzeitsfeier nahm auch der 50-jährige ägyptische Chirurg Aiman el Sawahiri teil. Nach den Erkenntnissen des FBI bildeten diese drei das Spitzen-Trio des Terrors: Bin Laden, Atef und El Sawahiri.

Schon seit Anfang der 80er Jahre arbeitet Atef eng mit Bin Laden zusammen. In der ersten Phase rekrutierten sie Kämpfer für den Krieg der afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjetunion. Die Zeitung "US News and World Report" berichtete unter Berufung auf Erkenntisse der US-Geheimdienste, Atef sei Anfang der 90er Jahre Bin Ladens Leibwächter gewesen, als dieser sein Hauptquartier für ein paar Jahre in Sudan aufschlug. Seither blieben die beiden im Netzwerk El Kaida Kampfgefährten. Als am 7. Oktober die US-Luftangriffe auf Afghanistan begonnen, schwor Bin Laden "bei Gott", die Unsicherheit werde so lange anhalten, bis die "westlichen Armeen" die "heilige Erde" des Islam verlassen hätten. Atef saß keine zwei Schritte von Bin Laden entfernt im Schneidersitz, blickte auf den Boden und schwieg. (APA)

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