Retter der Kultur

16. November 2001, 14:30
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2. November 2001

Die abendländische Kultur ist bekanntlich von vielen Seiten bedroht, insbesondere das zarte Pflänzchen ihres deutschen Ablegers. Nur zu oft werden die Gefahren verkannt, die von Islamismus und Gewerkschaften, von Linksextremismus und vom Zeitgeist schlechthin dräuen. Aber uns zum Heile gibt es "Zur Zeit", wo Andreas Mölzer allwöchentlich zum Kampf gegen den Verfall bodenständiger Werte blasen lässt und auch die Mittel nicht verschweigt, die Abhilfe schaffen. Aufgerufen zum arterhaltenden Werke sind Jung und Alt, Volkssturm eingeschlossen.

Gewöhnlich machen es sich österreichische Pensionisten-, pardon, Seniorenvereine, zur Aufgabe, niedrigen Gelüsten älterer Menschen zum Durchbruch zu verhelfen, wie etwa dem Wunsch nach einer stärkeren Pensionserhöhung, als die schwarz-blaue Regierung sie gewähren will. Nicht so der FPÖ-"Seniorenring", er widmet sich in der letzten Nummer des Wochenblattes einer höheren Aufgabe: Eigene Sprache achten!

Es ist auch höchste Zeit, denn die fortschreitende Verwendung von Anglizismen in Politik und Medien . . . dieses "Anglodeutsch" klingt nicht nur komisch, sondern ist bereits bedenklich, da nicht nur die geistigen Wurzeln unserer Sprache verkümmern, sondern auch viele Menschen, vor allem der älteren Generation, vom vollen Sprachverständnis mangels Fremdsprachenkenntnissen ausgeschlossen sind.

Nicht nur komisch, sondern bereits bedenklich klingt es auch, wenn ein Seniorenverein seine Mitglieder und ältere Menschen schlechthin für geistig derart reduziert hält, dass er ihnen unterstellt, die Verwendung von Worten wie "Primetime" und "Handy" wäre imstande, sie vom vollen Sprachverständnis auszuschließen. Nicht, dass man sich für die geistlose Verwendung sprachlichen Schrotts aus welcher Sprache immer stark machen müsste, aber warum der freiheitliche "Seniorenring" mit seiner Achtung vor der eigenen Sprache nicht bei sich selbst beginnt und sich in "Altenring" umbenennt, wäre vor allem anderen zu klären, läge es nicht auf der Hand: Vor dem Fernsehschirm fühlt sich ein Senior in der Primetime eben viel flotter als ein Greis in der Hauptsendezeit. Und vor dieser soziolinguistischen Erkenntnis werden selbst freiheitliche Sprachreiniger ohne viel Federlesens zu Sprachverhunzern und Pseudomodernisten. Wobei ihr Aufruf, unsere Sprache wieder als etwas Wunderbares, Unersetzliches und als unsere geistige Heimat einzusetzen, sich von den Aufrufen anderer Seniorenvereine nicht nur durch höheren Kitschgehalt, sondern auch durch absolute politische Harmlosigkeit unterscheidet: Er wird niemals das Nulldefizit des Feschaks in der Himmelpfortgasse gefährden.

Wo der Volkssturm nichts mehr ausrichten kann, setzt "Zur Zeit" auf schärfere Truppen. Fremdenlegionäre voran, forderte das Blatt eine Woche zuvor, und das aus einem nahe liegenden Grund - Ehre und Treue: Dafür kämpft Frankreichs beste Truppe. Natürlich weiß man in Mölzers Postille ebenso wenig wie unter niederösterreichischen FP-Mandataren, dass "Unsere Ehre heißt Treue" der Slogan der SS war, in welch glorreiches Corps die Fremdenlegion hiemit taxfrei aufgenommen war.

Auch das war hoch an der Zeit, denn ihr Korpsgeist, ihre Disziplin und ihr vorbildlicher Einsatzwille machen die Legion zu einer gefragten Interventionstruppe. Natürlich ist nicht mehr alles so wie früher. Ihren Schliff und ihr militärisches "Know how" bekommen die Legionäre (aus 120 Ländern, wobei früher eindeutig die Deutschsprachigen dominierten) heute nicht mehr ausschließlich in Ausbildungslagern in Frankreich.

Was den "Zur Zeit"-Autor besonders begeistert: Besonders geeignete Typen werden einem Sondertraining in Französisch-Guyana unterzogen. Dort bei tropischer Hitze und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit werden die Burschen bis zum Umfallen geschunden.

Dominieren heute auch nicht mehr eindeutig die Deutschsprachigen - eines dürfte sich aber bis heute kaum geändert haben: innerhalb der französischen Armee stehen, was den Kampfgeist und das militärische Handwerk anbelangt, die Legionäre ganz vorne. Für jeden ehrgeizigen französischen Offizier ist es ein absolutes Muß, einmal Legionäre befehligt zu haben. Kein Wunder, wenn es um Ehre und Treue geht.

Der Jubelartikel über diese legendenumwobene Truppe konterkariert die sprachreinigenden Bemühungen der blauen Seniorenringer mit der typischen Härte der Legion, nämlich mit einem beigefügten ORDRE DU JOUR, in dem ein Colonel de La Presle den Legionären unter anderem befiehlt: Ne pas subir. Ob das etwas hilft, wenn die freiheitlichen Senioren zum Angriff antreten?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. November 2001)

Von Günter Traxler
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