Jedwabne-Workshop: Den Erzählstrang finden

16. November 2001, 19:30
posten

Was sich 1941 im polnischen Jedwabne ereignete, ist Ausgangspunkt für umfassende Geschichtsforschungen. Ein Workshop an der NYU zog eine erste Zwischenbilanz.

Von Michael Freund

Ein gutes Dutzend Historiker traf sich im Oktober in der New York University zu einem zweitägigen Workshop über Jedwabne – über jenen Ort in Polen, wo im Juli 1941 nach der deutschen Okkupation fast alle jüdischen Einwohner von den Einheimischen umgebracht wurden.

Jan Gross, dessen Buch "Neighbors" (2001) die Geschichte des Verbrechens aufrollte, war anwesend, ferner Tony Judt, der Leiter des gastgebenden Remarque Institute, und weitere Wissenschafter aus Polen, den USA, aus England, Israel und der Schweiz.

Die zwei geladenen Beitragenden aus Deutschland fehlten – der eine hatte Angst vor einem Terroranschlag, die andere stand vor einem annullierten Flug und gab dann auf: ein unglücklicher Zufall, wenn auch angesichts des Themas eine schlechte Optik, doch letztlich nur eine Fußnote. So wie auch die im September durch die Feuilletons wirbelnde Frage, ob ein deutscher Kommandant bei dem genozidalen Gewaltakt anwesend war oder nicht, auf diesem Arbeitstreffen nicht die Beachtung verdiente, die der Berichterstatter erwartet hatte: "Das ist eine Vermutung", sagte Diskussionsleiter Judt, "aber nicht verifizierbar und wird daher hier nicht zentral behandelt."

Behandelt wurden ganz andere Fragen, und die Komplexität der Ereignisse stellte sich um so deutlicher heraus, je länger die Gäste den Referenten und Diskutanten zuhörten. Sie beobachteten sozusagen Geschichtsforschung "in statu nascendi", das heißt: nicht so sehr die Fakten an sich standen zur Diskussion (obwohl auch sie noch unvollständig sind und dank Gross’ Buch weitere Recherchen anstehen), sondern ihre Interpretation, Einbettung in regionale Zusammenhänge und Tauglichkeit zur Erstellung einer schlüssigen "Geschichte" im erzählerischen Sinn des Wortes.

Antony Polonsky von der Brandeis University in Massachusetts referierte über die ethnischen Spannungen im polnisch-litauischen Grenzgebiet zwischen den Weltkriegen. Die Fronten verliefen zwar hauptsächlich zwischen Juden und (nationalistischen) Polen, doch genauere Analysen von Wahlverhalten, Zugehörigkeiten zur Miliz/Polizei, sozialen Bindungen und der Rolle der Kirche ergeben ein viel detaillierteres Bild der sich verschlechternden Beziehungen. Erst in den dreißiger Jahren verengte sich der Konflikt auf die letztlich tödliche Alternative.

Welche Art von Gewalt herrschte in dieser Region, fragte Amir Weiner von der Stanford University und ging zurück zu ihren Wurzeln bis weit ins 19. Jahrhundert: Formen der "Selbstverteidigung" herrschten schon zwischen Bauern und Aristokraten und unter den verschiedensten Ethnien in Nordosteuropa. Die Frage sei, ab wann die Auseinandersetzungen so relevant wurden, dass sie sich in einem systematischem Pogrom entladen konnten. Denn Jedwabne – das hat Gross auf die Tagesordnung gebracht – bedeutet auch einen Wendepunkt hin zum organisierten Mord, und zwar einige Zeit bevor dies zum offiziellen Programm der Nazipolitik gehörte. Ähnlich wie Rumänien, wo bereits ab 1940/41 Todesschwadrone mehrere 100.000 Menschen umbrachten, bot Polen den Planern des Genozids Anschauungsmaterial. Noch 1939, berichtete Dariusz Stola von der Polnischen Akademie der Wissenschaften, mussten die Deutschen eine Synagoge in der Region selbst verbrennen; zwei Jahre später taten sie es unter reger polnischer Beteiligung. Dazwischen lag die Aufteilung Polens unter Hitler und Stalin, die Aussiedlung vieler Juden, die Hoffnung anderer auf die Sowjets und damit der Quell für weiteren Hass.

Damit ist nur ein kleiner Teil der Diskussionen angerissen, die um dieses zentrale polnische Thema von Erinnerung und möglicher Trauerarbeit kreisten. Weitere Aspekte sind in dem im Sommer erschienenen Band "Du sollst nicht töten" (siehe unten) zusammengefasst. Und im nächsten Jahr wird eine größere Konferenz an der NYU den vielen Spuren nachgehen.

Diesseits aller Generalisierbarkeit ("Wir sind keine Sozialwissenschafter") ist klar, so Tony Judt, dass Gross’ "Nachbarn" erst den Anfang einer langen Debatte darstellt: "Die Form des Workshops garantiert uns, dass wir die Dinge ohne akademischen Leistungszwang diskutieren können. Dem Ziel einer "history as narrative", als erzählerischem Strang, kommen wir auf diese Art näher."

***

Thou shalt not kill. Poles on Jedwabne. © für die englische Ausgabe: Princeton University Press; ISBN 83-88032-38-0.

Jan T. Gross: Neighbors. The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland; http://pup.princeton.edu/titles/7018.html
Jan T. Gross: Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne; Beck'sche, C. H., Verlagsbuchhandlung Oscar Beck; ISBN 3-406-48233-3;

Share if you care.