Dreiwangenkuss

16. November 2001, 11:00
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Österreich hat ein Westende, welches nach allen Seiten hin offen ist. Vom Atlantik zieht dort z. B. mühelos Dreckswetter herein, streift über die Alpen, hängt sich dann unter dem ehemals eisernen Vorhang im Osten fest und quält uns bis zum Sommer.

Unlängst ist eine Modeströmung von Südfrankreich über Genf nach Österreich eingeflossen, vor der wir Sie ausdrücklich warnen wollen: In Vorarlberg begrüßt man einander bereits dreiwangig.

Nun gilt schon der Doppelwangenkuss als eine der desaströsesten Erfindungen, seit die Menschen die Münder nicht voneinander lassen können. Ob der geringen Trefferquote spielen sich täglich grausame Szenen ab: Streifküsse, Ohrenreiber, Brillen-Crashes. Nun legt man im Westen noch eins drauf. Da auch der Vorarlberger keine dritte Wange zur Verfügung hat, wandert der Küsser von einer Seite auf die andere - und wieder zurück. Da keiner ein Schild mit der Aufschrift trägt "Vorsicht, Dreiwangenküsser!" oder "Achtung, ich halte zuerst die Linke, dann die Rechte und dann nochmals die Linke hin", können Sie sich vielleicht vorstellen, was sich rund um Bregenz derzeit abspielt. Und wehe uns, wenn die Dreiwangenküsser einmal den Arlberg passiert haben!

(DER STANDARD Printausgabe vom 15.11.2001)

Von
Daniel Glattauer
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