Der insgeheime Leopold

16. November 2001, 14:44
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16. November 2001

Kommt es auch einen Tag zu spät, kommt es doch von Herzen: Wir schließen uns den Bemühungen der "Kronen Zeitung" an, den niederösterreichischen Landeshauptmann zum Landespatron zu erhöhen, also den Erwin zu einem Leopold zu machen, weil er seiner Partei in bester Falschspielermanier entgegenzuhalten bereit war: "Die Vetokarte bleibt im Ärmel".

Wie meistens, wenn die "Krone" einen Politiker in Patronage nimmt, beginnt es tierisch und ist auf Gegenseitigkeit angelegt. Am 7. November blickten ein ernster Hund und ein freundliches Herrl dem Leser entgegen. Große Freude bereitet dem NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll sein süßer Vierbeiner Tobi. "Wir müssen alles dafür tun, dass es den Tieren so gut geht wie nur möglich. Das erfordert tatkräftigen Einsatz von uns", verlieh Pröll den Überlegungen Tobis geschliffen Ausdruck. Für diese Chance zu tatkräftigem Einsatz muss man auch etwas tun. Um die Arbeit der "Krone"-Tierecke zu unterstützen, hat Pröll die Patenschaft für einen unserer Schützlinge übernommen.

Aber für einen Erwin, in dem ein Leopold schlummert, ist die "Krone"-Tierecke zu klein. Drei Tage später nahm er über eine ganze Druckseite Bundespolitik in Angriff, abgebildet wieder mit Tobi und der Mutter Teresa der Promenadenmischlinge. Unter dem Bekennertitel "Tierschutz geht vor Politik" enthüllte der Landeshauptmann zur Jagdsaison: "Wenn sie so wollen, bin ich - was die Diskussionen auf Bundesebene zum Thema einheitliches Tierschutzgesetz betrifft - ein erfahrener Hase." Und versprach, sich für ein Bundesgesetz stark zu machen. - Bracke "Tobi" assistiert.

Schon einen Tag später durfte er für die Bereitstellung seiner Erfahrungen als Hase auch jene als Temelín-Kämpfer abliefern, wobei ihn das Blatt für einen Aufmacher und wieder eine ganze Druckseite in Anspruch nahm. Mit einer Karte im Ärmel hätte er in keinem Saloon rund um den Silbersee lange überlebt, aber wenn für die "Krone" die Vetokarte im Ärmel bleibt, tut er damit nicht einmal seinem süßen Zweibeiner Wolfi besonderen Tort an, weil inzwischen der einfältigste Tierfreund geschnallt haben dürfte, dass es sich beim beliebten Vetokartenspiel nur um eine Ankurbelung des Geschäfts der politischen und kommerziellen Gambler handelt.

Um das zu beweisen, trat der Landeshauptmann wieder drei Tage später im "Krone"-Comic Superrudi & Superstruppi aufs Neue mit der Nummer Die Vetokarte bleibt im Ärmel! auf, musste sich aber vom Bundeskanzler sagen lassen: Und genau da bleibt sie auch, Erwin! Versuch nicht, sie da 'rauszuziehen! Diesmal assistierte Bracke Tobi nicht, und Erwin stand da wie ein Hasenfuß.

Doch wiederum dauerte es nur einen Tag, bis Assistenz erschien, nicht in Gestalt Tobis - diesmal war es der Neuzugang aus dem Klub der lebenden Kolumnistenleichen. Prof. Kurt Dieman-Dichtl war mit der Aufgabe der Rangerhöhung Erwins in einen Leopold betraut - eine richtige Entscheidung. Er machte sie sich nicht leicht.

Wie populär der Name Leopold immer schon war, bewies der berühmte Wienerlieder-Komponist, der ursprünglich Herschl Kohn hieß und sich Hermann Leopoldi nannte. Ein näher liegender Beweis für die immerwährende Popularität des Namens Leopold wird sich in der Tat schwerlich finden lassen. Jetzt gab es nur noch das Problem: Wie kommt Dieman-Dichtl von Herschl Kohn über Hermann Leopoldi zu Erwin Pröll, ohne dass es gezwungen wirkt? Folgendermaßen: In seinem - Leopoldis - Schlager vom "Überraschungszug" geht es um eine "Fahrt ins Blaue". Und jetzt Obacht! Aus der Fahrt der Blauen und der Schwarzen könnte leicht ein Überraschungszug ins Rote werden! Aber da gibt es noch einen wichtigen Weichensteller, den blau-gelben Landeshauptmann Pröll, der zwar Erwin heißt, aber insgeheim ein Leopold ist. Hallelujah! Allerdings: Dass der insgeheime Leopold seine Heiligsprechung letztlich dem Herschl Kohn zu verdanken hat, lässt sich nur mit einem Kampf der Kulturen in der "Krone" erklären.

Es gibt eben noch Blätter, die sich den großen geistigen Herausforderungen der Gegenwart stellen. "Woman"-Leserinnen etwa müssen solche auch diese Woche nicht entbehren, sprang doch "NEWS" mit Woman-Sonderseiten ein, einem Extra-Service für Österreichs Frauen. Als Mann ist man da rasch überfordert - noch ist die erste "Woman" nicht verdaut. Da gibt es etwa Was die Liebe schöner macht - Ihr Wegweiser zur erfüllten Partnerschaft, mit Fotos der Partner. Macht doch neugierig, wenn ein Manuel, 31, von sich und seiner Jacqueline, 29, berichtet: Wir sind jetzt seit 12 Jahren ein Paar, und es war eigentlich immer sehr schön. Dass sie mich betrogen hat, kam für mich völlig unerwartet. Für sie weniger. Dazu meint der Therapeut: Ein Seitensprung ist immer ein ernstes Signal, dass sich etwas an der Beziehung ändern muss.

Was wäre nun, wenn der Manuel eigentlich ein Marcel ist, Jacqueline eine Martina, die beiden nicht seit 12 Jahren ein Paar, das dem Woman-Beziehungsexperten und Psychologen Enrique Grabl seine Schlafzimmertüre öffnet, sondern lediglich zwei professionelle Models, die miteinander gar nichts haben, nicht einmal ein Problem? Ergriffenen Leserinnen ist es vielleicht egal. Höchstens der Therapeut könnte sich gepflanzt fühlen, vorausgesetzt, er ist nicht auch ein Model. Aber das käme für "Woman" gewiss niemals infrage. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.11.2001)

Von Günter Traxler
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