Skopje: Zum Feiern zu früh - oder zu spät

16. November 2001, 20:51
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Trübe Aussichten für das Zusammenleben

Eigentlich hätte die geänderte Verfassung Mazedoniens auf einer Festsitzung des Parlaments proklamiert werden sollen. Dann aber beschloss Parlamentspräsident Stojan Andov es anders und verkündete das geänderte Grundgesetz ganz unfeierlich mitten in der Nacht nach ermüdender Sitzung. Endlich sind die Verpflichtungen aus dem Friedensabkommen von August erfüllt. Aber zum Feiern ist es noch zu früh, wie die Diplomaten sagen. Oder, wie die Realisten korrigieren: zu spät.

Um sieben quälend lange Wochen hat das Parlament in Skopje seinen Zeitplan überzogen. Jede Hoffnung auf einen wirklichen Neubeginn wurde in den sieben Wochen vertan. Aus den Frontlinien des Sommers drohen unüberwindliche Zonengrenzen zu werden. Nur wenige Mazedonier sind in ihre Häuser in mehrheitlich albanischen Dörfern zurückgekehrt.

Seit einer großen Kidnapping-Aktion am letzten Montag, bei der bewaffnete Albaner mazedonische Zivilisten - wenn auch nur für Stunden - als Geiseln nahmen, ist jede Rückkehrbereitschaft wieder zunichte. Noch immer ist unklar, wie die versprochene Amnestie für albanische U¸CK-Kämpfer Wirklichkeit werden soll. Klar ist nur, dass Innenminister Ljube Boskovski sie nicht beachten will. Der Premier hat nicht die Macht, seinen Innenminister zu entlassen. Die "Regierung" in Skopje besteht nur noch aus verfeindeten Ministerien.

Dass der fast siebenmonatige Kleinkrieg im August durch einen Kompromiss beendet wurde, ist den meisten Mazedoniern gar nicht zu Bewusstsein gekommen. Die Radikalen, angeführt vom Innenminister, verbreiten den Mythos, man habe den albanischen Terrorismus militärisch besiegt. Entsprechend spielt die Polizei sich auf. Die Entwaffnung der Rebellen wird, weil sie von der "pro-albanischen" Nato überwacht wurde, für eine Farce angesehen.

Von einem wirklichen Willen zum Zusammenleben, gar zu gemeinsamer Staatsbildung, ist in Mazedonien auf keiner Seite etwas zu spüren. Nirgends im früheren Jugoslawien, außer vielleicht im Kosovo, sind die Volksgruppen so scharf getrennt. Seit der Unabhängigkeit hat man sich auseinander gelebt: Die Mazedonier blieben in ihrer staatsnahen, postsozialistischen Sphäre, die Albaner entwickelten eine neue, privatwirtschaftliche, die sich um den Staat nicht schert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. November 2001)

STANDARD- Korrespondent Norbert Mappes-Niediek aus Skopje
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