"Eine offene Wunde heilt ja besser!"

15. November 2001, 21:24
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"Black Box BRD" rollt die Biografien des Bankers Alfred Herrhausen und des mutmaßlichen RAF-Aktivisten Wolfgang Grams auf

Andres Veiels Film "Black Box BRD", Gewinner des Europäischen Dokumentarfilmpreises 2001, rollt die Biografien des Bankers Alfred Herrhausen und des mutmaßlichen RAF-Aktivisten Wolfgang Grams auf. Mit dem Regisseur sprach Dominik Kamalzadeh.

STANDARD: Lässt sich die Konfrontation zwischen Grams und Herrhausen, deren Biografien Sie in Black Box BRD aufrollen und gegeneinander stellen, als Vater-Sohn-Konflikt verstehen, als Revolte gegen das Schweigen der Väter?

Veiel: Es gibt eine assoziative Berührung zwischen dem Vater Wolfgang Grams' und Alfred Herrhausen. Aber ich bin damit vorsichtig, weil zu psychologische Deutungen das Phänomen Terrorismus reduzieren würden. Der Konflikt hat aber etwas Typisches für eine ganze Generation: die- sen Widerstand gegen das Schweigen. Was an Grams jedoch untypisch ist, ist, dass er nicht laut rebelliert hat.

Die Liebe zu seinem Vater hat ja weiter bestanden, obwohl sich beide nicht verstanden haben. Es kam nie zum Bruch. Im Film funktioniert es wie ein Vektor, der die Geschichte nach vorne treibt, ohne dass Grams zwangsläufig zum Attentäter wird, was mir ganz wichtig ist: Das bleibt in der Black Box.

STANDARD: Die Beziehung liefert somit den Nährboden, auf dem sich diese Konfrontation herausbilden konnte . . .

Veiel: Genau. Und das ist spezifisch deutsch. Interessant ist ja, welches Land welchen Terrorismus bekommen hat. Japan, Spanien, Italien: alles Länder, die zuvor totalitäre Strukturen hatten.

STANDARD: In Österreich ist diese Geschichte des Terrorismus eher unbedeutend geblieben: Man gewinnt den Eindruck, dass Deutschland mit der Geschichtsaufarbeitung viel weiter ist.

Veiel: Deutschland hat noch eine andere Aufladung durch den Vietnamkrieg erfahren. So ist der Konflikt schon viel früher explodiert. Auf einem historischen Kurzschluss wurde ein Kontinuum konstruiert, und dann sind von deutschen Flughäfen amerikanische Bomber aufgestiegen. In Deutschland gibt es die Notwendigkeit zurückzublicken, auf 1977, als Otto Schily noch gegen die Einschränkung der Verteidigungsrechte gekämpft hat.

Das kippt nun alles, weil diese Menschen heutzutage führende Positionen innehaben. Diese Form der historischen Auseinandersetzung hat zwar auch Österreich nötig, aber hier ist vieles wattierter. In Österreich sitzen die Furunkel tiefer. Und eine offene Wunde heilt ja besser.

STANDARD: Im Unterschied zu Schily oder Joschka Fischer enden die linken Biografien der Gefährten von Grams in Black Box BRD im Schrebergarten. Warum zeigen Sie keine gelungenen linken Lebensläufe?

Veiel: Schwieriger Punkt: Mir wurde klar, das sind keine Wunschbiografien, die ich aufbaue. Im Gegenteil, ich demontiere, zerstöre diesen letzten Mythos linker Biografien im Sinne der Dissidenz, der Rebellion, der Utopie. Ich sehe Leute, die in Kleingärten ihre alten Transparente in die Waschmaschine gelegt haben und wieder aufhängen. Mir war aber wichtig, da genauso schonungslos zu sein.

Dadurch wird ja trotzdem deutlich, dass alle diese Fragen gerade in Zeiten der Globalisierung aktuell sind. Die Deutschen haben RAF-Terroristen hervor gebracht, aber auch Kleingartenkultur. Dass das eine mit dem anderen vielleicht etwas zu tun hat, ist einer der Widersprüche, die wir aushalten müssen.

STANDARD: Die Popularisierung der Terroristen der 70er ist im Zuge der Retro-Kultur geradezu unausweichlich gewesen.

Veiel: Es gibt dieses Bedürfnis nach Helden. Und die Art, wie viele RAF-Geschichten erzählt werden - Heike Makatsch als Gudrun Ensslin etwa -, reduziert das Thema auf eine Robin-Hood-Variante. Das wollte ich auf keinen Fall befriedigen. Viele, die Andreas Baader verehrten, haben mir gesagt, dass es aus der Motivation heraus geschah, dass es noch ein klares Feindbild gab. Egal, ob man eine Bombe gelegt hat oder eine Fabrik blockiert hat, es gab die Illusion einer geschlossenen Widerstandsfront. Das hat wie ein Werkzeugkasten funktioniert, wo in die Speichen des "Systems" eingegriffen werden konnte. Jetzt ist es anders. Selbst wenn wir diesen Werkzeugkasten hätten, dreht sich in irgendeinem Billiglohnland das Rädchen schneller. Aus dieser Ohnmacht entsteht die Idealisierung der Terroristen. Sie sind nicht nur schön und schick, sie haben auch die Funktion eines Katalysators.

STANDARD: Apropos Globalisierung: Sie deutet sich ja am Ende von Black Box BRD an. Herrhausen tritt für die Entschuldung der Dritte-Welt-Länder ein, aber auch für die New Economy. Ein Paradigmenwechsel?

Veiel: Dieser Wendepunkt Herrhausens ist spannend. Er stellt das Herzstück jeder Bank, das Renditeprinzip, infrage. Herrhausen bleibt aber widersprüchlich, weil er auch ein Vertreter der Globalisierung war. Wenn er von einer Idee überzeugt war - und da komme ich jetzt zu Grams -, ist er jedoch dieser Idee treu geblieben. Er war nicht pragmatisch: Das ist ein Berührungspunkt, und daran sind beide gescheitert.

STANDARD: Eine Figur, die fehlt, ist Birgit Hogefeld, die Freundin Grams', die nicht gefilmt werden wollte. Inwieweit haben sich die Gespräche mit ihr auf den Film ausgewirkt?

Veiel: Ich habe viele Fragen auf ihre Geschichte hin gestellt. Da ist mir klar geworden, welche Bedeutung ihr Vater hatte, der im Russlandfeldzug dabei gewesen war. Birgit hat das auf den Punkt gebracht mit dem Satz: ,Mich würde es nicht geben, wenn meine Eltern nicht versagt hätten.' Von daher vielleicht noch stärker als bei Wolfgang Grams diese Verstrickung in Wurzeln, die in den braunen Sumpf reichen. Sie hat übrigens stets gesagt, ohne sie könne das kein guter Film werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 11. 2001)

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