Niederösterreich: Am Ohr des Herrn Ministers

15. November 2001, 21:19
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Strasser besucht in Sachen Gewaltprävention Interventionsstelle

St. Pölten - Mit dem persönlichen Stilmittel des Lächelns geht der Minister sparsam um. Fragen, zuhören, nachfragen, präzisieren und dabei über weite Strecken keine Miene verziehen, so kommuniziert Ernst Strasser mit den Frauen. Und niemand um den großen Tisch in der Interventionsstelle Niederösterreich gegen Gewalt an Frauen und Kindern in St. Pölten schenkt sich Wasser oder Kaffee ein - ganze dreißig Minuten lang.

Dann, plötzlich, bricht die Spannung: "Red' ma doch net als Juristen, sondern als normale Menschen", schlägt der ÖVP-Innenminister der Interventionsstellen-Mitarbeiterin Tina Nachbaur vor - alles lacht erleichtert.

Nachbaur probiert's: In der täglichen Beratungspraxis mit Frauen aus ganz Niederösterreich, die aus gewalttätigen Beziehungen Abschied nehmen, habe sich herausgestellt, dass drei Monate Betretungsverbot - eine einstweilige Verfügung, die Männern verbietet, die gemeinsame Wohnung zu benutzen - oft zu kurz bemessen seien: "Die Frauen müssen sich ganz neu orientieren, einen Job und Betreuung für die Kinder checken. In dieser Zeit ist es zu viel verlangt, auch noch die weiteren juristischen Schritte, die Scheidung etwa, auf die Reihe zu kriegen."

Strasser nickt: Verstanden, sein Sekretär notiert's - auch wenn die Sache selbst nicht das Innen-, sondern das Justizressort angeht. Sein Auftrag könne dort beginnen, wo geprügelte Frauen und ihre Beraterinnen mit Polizei und Gendarmerie in Kontakt kämen: "Wie schaut's da aus?".

Betroffene Beamte

Im Grunde könne man ganz zufrieden sein, antwortet Hanna Woltsche, Geschäftsführerin der Interventionsstelle, die seit 1999 existiert und die Arbeit in ganz Niederösterreich koordiniert. Nur die per Erlass einmal jährlich durchzuführenden Regionalkonferenzen der Exekutive mit allen anderen betroffenen Institutionen kämen in etlichen Bezirken Niederösterreichs noch zu kurz.

Oft würden sie nicht oder auf unzureichende Art und Weise durchgeführt, während es zum Beispiel in Baden, Hollabrunn, Neunkirchen, Tulln und Wiener Neustadt "vorbildlich funktioniert": "Es hängt halt viel von der persönlichen Herangehensweise der jeweiligen Beamten ab."

Strasser schweigt, denkt nach. Der M. solle sich darum kümmern, meint er dann. Sich erkundigen, Druck machen - "und in einem Jahr seh' ma dann, ob's hilft". Weil: "Er-zwingen kann man nichts", das wäre kontraproduktiv, vor allem auf dem Land, meint er zu wissen; vor seiner Ernennung zum Minister war er Landesrat in Niederösterreich.

Anonymität fehlt

Das Land und seine engen persönlichen Verflechtungen seien in Sachen Gewaltprävention ohnehin ein Risikofaktor, bestätigt Woltsche, als der Minister schon gegangen ist. In kleinen Ortschaften, wo jeder jeden kenne, genierten sich geprügelte Frauen oft vor den Nachbarn noch viel mehr als in anonymen städtischen Regionen. Und außerdem: "Was glauben Sie, dass ein Gendarm gegen einen gewalttätigen Ehemann unternimmt, wenn er diesen von klein auf vom Fußballplatz her kennt?". (Irene Brickner, DER STANDARD Print-Ausgabe 16.11.2001)

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