Der lange Marsch des chinesischen Wassers

15. November 2001, 22:31
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Wieder greift ein Gigant- Projekt massiv ins ökologische Gleichgewicht ein: diesmal drei über tausend Kilometer lange Wasserstraßen

"Wir sind so weit", verkündete dieser Tage Vizewasserbauminister Zhang Jiyao in Peking für das seit Jahrzehnten diskutierte Projekt "Nanshui Beidiao" (Wasser aus dem Süden für den Norden). Die Westroute steht noch nicht fest, aber schon nächstes Jahr soll mit dem Bau der 1150 Kilometer langen Ostroute und mit der ersten Phase der 1246 Kilometer langen Mittelstrecke begonnen werden. Das ist, als wollte man siebenmal die Donaustrecke durch Österreich künstlich errichten.

Zhang begründete die immensen Eingriffe in die Natur mit der Notwendigkeit, das Wassernetz gleich zu planen wie die Verbundsysteme für Strom und Verkehr. Die Kanäle sollen ab 2010 Chinas trockenen Norden mit 12,9 Milliarden Kubikmetern Wasser aus den Flussgebieten südlich des Yangtse, wo vier Fünftel der Wasservorräte des Landes konzentriert sind, entlasten.

Grundwasserproblem

Derzeit verbraucht der Norden jährlich 12,8 Milliarden Kubikmeter Wasser, von denen er jetzt schon rund ein Drittel dem Grundwasser ersatzlos entziehen muss. Die Folgen sind katastrophal. In Metropolen wie Peking und Tianjin fällt der Grundwasserspiegel jährlich um mehr als 70 Zentimeter.

Der Ostkanal wird vom Yangtse-Strom bei Nanking ausgehen und nutzt den stark verunreinigten Kaiserkanal. Das Wasser muss mehrfach technisch kompliziert bis auf 65 Meter Höhe gebracht werden, um bis nach Tianjin fließen zu können.

Riesige Pipeline

Die Mittelroute führt im natürlichen Gefälle von der Provinz Hubei nach Peking. Auf diesem Weg quert das Wasser nicht nur mehr als 40 Eisenbahnstrecken, in einer Pipeline (Durchmesser: 8,5 Me-ter) unterquert es auch den Gelben Strom über eine Distanz von zehn Kilometern.

Für den Bau der umgerechnet rund 350 Milliarden Schil-ling (55,44 Milliarden Euro) verschlingenden Kanäle müssen Hunderttausende ihre Heimat verlassen. Allein von der Mittelroute werden mehr als 370.000 Menschen betroffen sein.

Die Wasserbauer bestreiten negative Einflüsse auf das ökologische Gleichgewicht der Ströme. Die Mittelroute würde dem Yangtse-Strom im Oberlauf nur vier Prozent und die Ostroute dem Strom im Unterlauf kaum ein Prozent Wasser abzapfen. Dagegen würden die Kanäle den Wassermangel im Gelben Strom mildern, den Grundwasserspiegel im Norden schützen und die Wasserqualität im Norden verbessern können.

Mit einer drastischen Erhöhung der Wasserpreise wollen die Planer die Kosten selbst finanzieren und zugleich Anreize schaffen, Wasser effizienter zu nutzen und einzusparen. Schon ab 2005 soll ein Kubikmeter Wasser in Peking umgerechnet etwa neun Schil-ling (0,65 Euro, halb so viel wie in Wien) kosten statt bisher knapp vier Schilling. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 11. 2001)

Drei künstlich zu errichtende Wasserstraßen, jede weit mehr als tausend Kilometer lang, sollen Chinas wasserarmen Norden vom Süden her versorgen. Das Milliardenprojekt, das - wie schon der Drei-Schluchten- Staudamm - massiv in das fragile ökologische Gleichgewicht eingreift, vertreibt Hunderttausende Menschen.

Von STANDARD-Korrespondent Johnny Erling aus Peking

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