"Meine Reise in den Terror"

16. November 2001, 13:39
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Auszüge aus einer Rede der pazifistischen Autorin Arundhati Roy

Wenn anerkannte Regierungen mit Moral nichts anfangen können, warum sollten ZivilistInnen es tun?
Auszüge aus einer Rede der pazifistischen Autorin Arundhati Roy* - zwei Tage vor dem Zusammenbruch des talibanischen Terror-Regimes.

Ich gehöre keiner politischen Bewegung an. Ich starte jede Untersuchung mit so wenig Gepäck wie möglich. Jede Untersuchung beginnt mit Neugier auf etwas, was mir als Ungerechtigkeit oder Menschenrechtsverletzung erscheint. Ich strebe nicht an, eine Ideologin zu werden. Jeder meines Essays wurde aus mir herausgepresst, vielleicht weil ich genetisch programmiert bin zu schreiben, meine Meinung auszudrücken, auch wenn ich genau weiß, dass es klüger und für mich vorteilhafter wäre, den Mund zu halten. Meistens merke ich nach Abschluss meiner Untersuchung, dass meine Ansicht sich nicht mit der etablierten Weltsicht deckt. Also habe ich gelernt, mich jedes Mal auf Beschimpfungen und Belächelungen vorzubereiten. Nach jeder Expedition verspreche ich mir, dass es die letzte war.

Nur schöne Worte?

Meine wirkliche Tragödie besteht darin, dass meine Rettung darin läge, widerlegt zu werden. Wenn ich glauben könnte, dass der Bau großer Staudämme mit der Vertreibung von über 30 Millionen Menschen eine Form von Entwicklung darstellt; dass die Rettung der Menschheit im Ansammeln von Atomwaffen in jedem Land bestünde; dass die Globalisierung der Unternehmen die Antwort auf die weltweite Armut ist; dass die Bombardierung Afghanistans den Terrorismus auslöscht - ich würde das Geld nehmen, ein Haus auf den Bahamas kaufen und Windsurfen lernen . . .

Vor ein paar Tagen gab es in Delhi ein hochrangiges Treffen zum Krieg in Afghanistan. Ein ehemaliger Außenminister hatte es einberufen, und Mitglieder des diplomatischen Dienstes, der Armee, der Polizei und Botschafter nahmen daran teil. Ich war nicht da, aber Teilnehmer haben mir davon erzählt. Der ehemalige Außenminister kritisierte den US-Krieg gegen Afghanistan aus strategischen Gründen. Er meinte aber, die Zeit sei für Indien gekommen, Pakistan als Antwort auf seinen grenzüberschreitenden Terrorismus in Kaschmir anzugreifen.

Nach seiner Rede fragte ihn ein Zuhörer, was er von Arundhati Roys Vorschlag hält, dass jetzt die Zeit für Ehrlichkeit und Zurückhaltung gekommen sei, nicht für Krieg. Er antwortete: "Jemand sollte Arundhati Roy sagen, dass schöne Worte keine Gedanken ersetzen. Und dass in der Diplomatie kein Platz für Moral ist." Jemand anders fragte ihn nach den Risiken der Eskalation eines Krieges gegen Pakistan in eine atomare Konfrontation, über die Möglichkeit, dass Delhi oder Bombay ausradiert werden könnten. Seine Antwort war: Leute, die denken, dass sie einer großen Zivilisation entstammen, sollten bereit sein zu leiden.

Da haben wir's. Hegemonie ist wichtiger als Überleben. Aber wenn anerkannte Regierungen mit Moral nichts anfangen können, warum sollten Zivilisten es tun? Warum sollten die Taliban es tun? Der Kampf für Toleranz, gegen Hegemonie jeglicher Art, religiöse, militärische, ökonomische, kulturelle - das ist heute die größte Herausforderung der Menschheit.

Seltsame "Ehre"

Terrorismus ist das Symptom und nicht die Krankheit. Ich glaube, jede Regierung, die gegen den Terrorismus ist, muss das Prinzip der Gewaltfreiheit hochhalten. Wir können den Terrorismus nicht bekämpfen, indem wir uns an ihm beteiligen. Auf einen terroristischen Akt mit einem kriegerischen Akt zu antworten bedeutet in einer seltsamen Weise, ihn zu ehren.

Ein Journalist, der vor kurzem Osama Bin Laden interviewte, berichtete, er sei glücklich, gesund, wohlgenährt. Er wartet darauf, getötet zu werden, Märtyrer zu werden. Er wartet darauf, angebetet zu werden. Hätte er die Folgen der Angriffe vom 11. September selbst geplant - er hätte es nicht besser machen können.

Der schreckliche Preis, den das Volk Afghanistans zahlt, scheint ihn wenig zu kümmern. Aber er muss uns kümmern - wir, die wir keine Terroristen sind.

Fatale Konsequenzen

Ich bin nicht gegen den Krieg in Afghanistan, weil ich vom Wesen her antiamerikanisch oder für die Taliban bin, sondern weil ich grundsätzlich gegen Gewalt bin. Ich glaube nicht, dass Krieg Terrorismus auslöschen kann. Ich glaube, er wird das Gegenteil bewirken. Ich bin gegen den Krieg, weil Millionen normaler Menschen, die keine Terroristen und keine Fundamentalisten sind, sondern die seit zwanzig Jahren einen brutalen Krieg ausgehalten haben, in der bitteren Winterkälte der afghanischen Berge langsam zu verhungern drohen.

Wie lobenswert die Ziele des Westens sein mögen - das Ergebnis könnte ein Genozid sein. Das wissen wir. Wenn wir später die Toten zählen, können wir nicht so tun, als seien das Kollateralschäden.

Der amerikanische Präsident hat gesagt: Ihr seid entweder mit uns oder mit den Terroristen. Dieses Paradigma akzeptiere ich nicht. Ich glaube, dass die ganze Schönheit der menschlichen Zivilisation, unsere Kunst, unsere Musik, unsere Literatur, sich solchen fundamentalistischen Positionen entzieht.

*Die indische Schriftstellerin ("Der Gott der kleinen Dinge"), deren in "Spiegel" und "Weltwoche" publizierte Essays gegen die US-Intervention in Afghanistan heftige Reaktionen ausgelöst hatten, wurde am 12. November in Paris mit dem Grand Prix 2001 der Académie Universelle des Cultures ausgezeichnet;
der mit 150.000 DM dotierte Preis für Verdienste im Kampf gegen Intoleranz, Rassismus ging im Vorjahr an Václav Havel;

(Übersetzung der Dankesrede aus dem Englischen: Dominic Johnson)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.11. 2001)

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