Das Geheimnis der Schrift auf dem Papier

15. November 2001, 21:47
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U-Haft, Schubhaft, 'Kopf des Tages': Charles Ofoedu, nigerianischer Autor, im Polizeivisier

Das Konvolut von Papieren, das kürzlich vom Österreichischen Literaturarchiv angekauft wurde, weist unter allen dort verwahrten Manuskripten wohl die größten Buchstaben auf. Obiora C-Ik Ofoedu hat sie zwischen 28. Mai und 25. August 1999 gemalt: Monumente der Ära des SPÖ-Ex-innenministers Karl Schlögl.

Von 1991 bis 1999 hat der Nigerianer Ofoedu friedlich und ungestört in Österreich gelebt. Oder, was man hier so ungestört nennt. Gern erzählte er vom Einzug in seine erste Wiener Wohnung. Um Koffer und Bücher zu verstauen, musste er siebenmal die Stiegen auf- und absteigen. Eine Nachbarin dürfte den Vorgang mit polizeilicher Exaktheit verfolgt haben. Sie beschwerte sich sofort beim Hauseigentümer, vis-à-vis seien "sieben Neger eingezogen".

1960 im nigerianischen Iboland als Sohn einer traditionsreichen Familie geboren, hatte Obiora in Enugu Massenkommunikation studiert, ehe er Journalist wurde. Sein Fernziel hieß, eines Tages als Politiker am Aufbau eines von Korruption und dem Diktat der Weltkonzerne befreiten Nigeria mitzuwirken. Das Ziel war sehr fern. Ein Aufenthalt in Europa lag näher. Ofoedu setzte seine Studien und die 1979 begonnene literarische Tätigkeit in Wien fort. Aus Versuchen der Dramatisierung seiner Gedichte ent-stand eine Theaterarbeit. Die National Library of Poetry der USA würdigte ihn 1996 durch die Aufnahme seiner Texte in das Buch Daybreak of the Land. 1998 erschien Ofoedus Gedichtband The Mind's Eye im englischen Original. Ab 1998 arbeitete er an dem Roman The Faceless Mystery, einer Kritik der afrikanischen Führungsschicht und der Geheimbünde, eine Würdigung der Spiritualität und des kulturellen Erbes seiner Heimat.

Der Roman ist noch nicht erschienen. Am Morgen des 28. Mai 1999 stürmte Schlögls Elitetruppe schwerstbewaffnet Ofoedus Wohnung, zerlegte Möbel, zerfledderte Manuskripte und verhaftete den Autor. Den grotesken Verdacht, er sei das Hirn eines Dealerringes, sogen unkritische Massenmedien gierig auf. Die Berichte über den "Syndikatsboss mit dem Doppelleben" verdrängten jene über den Abschiebungstod des Marcus Omofuma. Ofoedu hatte, in Konsequenz des politischen Engagements seiner Literatur, nach Omofumas Tod Schweigemärsche organisiert.

Das konnte er nun nicht mehr. Sein Ansehen war zerstört, die im Parlament geplante Präsentation eines Buches mit einem Textbeitrag von ihm wurde still abgesagt. Ofoedu saß im Landesgericht. Die Brille hatte man dem Kurzsichtigen abgenommen. Er schrieb dennoch nieder, was ihm passiert war. Riesig, um es lesen zu können. Doch nicht groß genug, dass Fremdenrechtsbehörde und zuständiger Minister bis jetzt in der Lage gewesen wären, die Schriftzeichen zu deuten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 11. 2001)

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