Die Lizenz zum Abschweifen

16. November 2001, 10:25
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Das Radio Symphonie- Orchester Wien und das Arditti String Quartet bei Wien Modern

Wien - Hohes Niveau bei Wien Modern: Auch die Konzerte des Radio Symphonieorchesters Wien (Musikverein) und des Arditti String Quartets (Konzerthaus) bestätigen energisch den hohen Level. Dirigent Dennis Russell Davies präsentierte drei Orchesterwerke: Olivier Messiaens Chronochromie ist ein wogendes Labyrinth, dessen fünf fabelhafte Percussionisten einsame Wegweiser auf stürmischer Klangsee waren. Davies hat das Stück nicht seziert, sondern ging mit den Klangfärbungen in die Vollen.

Lang dauernde Prozesse zu realisieren, gelingt einem Pianoforte kaum, da schon die gehaltenen Töne fehlen, erklärt Komponist Michael Jarrell. Sein Abschied für Klavier und Orchester spielte der Pianist Thomas Larcher jedoch gar nicht übel; auch die Kabelrolle und die Nachttischlampe im Flügelinneren sorgten für den notwendigen dramatisch-optischen Gestus. Allfällige Fragen konnten beim Kompositionsseminar abgehandelt werden, das der Komponist zeitgleich an der Musikuniversität durchführte.

Die Struktur von Philippe Manourys Sound and Fury ist ideell von William Faulkners gleichnamigem Roman und musikalisch von Benjamin Brittens Klangpatterns beeinflusst. Manourys innovative Verwendung multipler Erzählschichten, die zu einem nicht chronologischen Zeitfluss führen, findet ihre musikalische Entsprechung in der Option zum Abschweifen, zur Auslassung und zur Relektüre von Material.

Zerklüftete Inseln

Der Feineinstellung und Zerlegung von Klangbildern, die wie durch ein Prisma gebrochen werden, kam die massive Farbigkeit des RSO-Orchesterapparates sehr entgegen. Ins Konzerthaus: Das Arditti String Quartet schockte und verblüffte mit seinen Kontrasten der zerklüfteten "Inseln" von Xenakis' Musik - etwa in den Streichquartetten ST/4 und Tetora. Abendländische Demokratie ist das erklärte Ziel des in Rumänien geborenen, in Griechenland aufgewachsenen, in den USA lehrenden und in Frankreich verstorbenen Avantgardisten. Daher vielleicht das Interesse an computergenerierten musikalischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen und an stochastischer Musik.

Berückend kamen auch das Streichquartett Sequi von Mary Finsterer und Akira Nishimuras zweites Streichquartett Pulses of Light über die "Rampe". Die Zahl der abgerissenen Pferdehaare der Bögen des Arditti String Quartets hatte am Ende sicherlich eine mittlere zweistellige Zahl erreicht; auf der Habenseite standen jedoch Klanggalaxien der unbekannten Art.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 11. 2001)

Von Beate Hennenberg
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