Weniger Wachstum auch im Osten

15. November 2001, 19:05
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Weltweite Konjunkturschwäche beeinträchtigt Reformstaaten - Anzeichen für Rezession in Polen

Wien - Die weltweite Konjunkturschwäche hat auch in den Reformstaaten Ost- und Mitteleuropas zu einer Wachstumsverlangsamung geführt. Wie der stellvertretende Leiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), Peter Havlik, am Donnerstag in einer Pressekonferenz erklärte, laute die jüngste Wachstumsprognose für die MOEL-5 (Tschechien, Ungarn, Slowakei, Slowenien und Polen) im laufenden Jahr nur noch auf 2,4 Prozent. Zu Beginn des vergangenen Jahres sei dieser Region für 2001 noch ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent zugetraut worden.

Die Korrektur der Prognose sei in erster Linie auf den Wachstumseinbruch in Polen zurückzuführen, der stärker als erwartet ausgefallen sei. In diesem Land seien sogar Signale für eine Rezession erkennbar.

Havlik wies darauf hin, dass die Konjunkturentwicklung in Mittel- und Osteuropa stark von der Wirtschaftslage in der EU, besonders von Deutschland, abhängt. Eine länger anhaltende Schwächeperiode im Westen oder gar eine Rezession könnte das Wachstum in den Reformstaaten um 0,5 bis 1,5 Prozentpunkte reduzieren. Der wirtschaftliche Aufholprozess werde dadurch allerdings nicht gefährdet, da der Wachstumsabstand gegenüber den EU-Ländern mit rund zwei Prozentpunkten bestehen bleiben werde.

Als positiv merkte Havlik an, dass sich die Inflationsrate in den meisten Reformstaaten bereits im einstelligen Prozentbereich bewege und weiter zurückgehe. Die Arbeitslosigkeit bleibe dagegen hoch und weise in einigen Ländern wie Polen, Jugoslawien oder Russland sogar noch steigende Tendenz auf.

Als Nebeneffekt von steigender Binnennachfrage und Währungsaufwertung bezeichnete Havlik zunehmende externe Ungleichgewichte. Vor allem in der Slowakei sei das Leistungsbilanzdefizit dramatisch angestiegen und werde heuer mehr als acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Parallel mit den sinkenden Energiepreisen sei aber mit einer Entspannung der Situation zu rechnen.

Bei der Osterweiterung rechnet der EU rechnet das WIIW mit einem Big Bang. Der jüngste Fortschrittsbericht der EU-Kommission lasse darauf schließen, dass bereits in der ersten Etappe acht Reformstaaten (Ungarn, Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland, Litauen, Polen und Tschechien) als Mitglieder aufgenommen werden sollen.

Sollte dieses Ziel zum vorgesehenen Zeitpunkt, dem Jahr 2004, nicht realisierbar sein, könnte der Beitritt dieser großen Gruppe auf 2005 oder 2006 verschoben werden, vermutet WIIW-Experte Sandor Richter.

Die Erweiterung werde jedenfalls in drei Etappen erfolgen: zuerst der Beitritt, dann die Teilnahme an Schengen und schließlich die Aufnahme in das Euroland. (gb, Der Standard, Printausgabe, 16.11.01)

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