Airbus-Unglück: 8,2 Meter hohes Seitenleitwerk war für Absturz verantwortlich

19. November 2001, 15:00
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Experten rätseln:"Es hätte einfach nicht abfallen dürfen..." - Welle von Inspektionen bei Airbus-Material?

New York - Nach rund einwöchigen Ermittlungen zum Flugzeugabsturz in New York besteht laut US-Experten kein Zweifel mehr, dass das Seitenleitwerk die ausschlaggebende Rolle gespielt hat. "Es hätte einfach nicht abfallen dürfen, egal aus welchem Grund", sagten Luftfahrtspezialisten dem US-Nachrichtensender CNN.

Weder vom voranfliegenden Jumbo ausgelöste Turbulenzen noch das Gegensteuern des Piloten hätten dazu führen dürfen, dass sich bei dem Unglücks-Airbus das Seitenleitwerk vom Rumpf löste. Ende der vergangenen Woche hatten die Luftfahrt-Behörden in den USA, Deutschland und Frankreich angeordnet, die Leitwerke zahlreicher Airbus-Maschinen zu prüfen. Betroffen ist vor allem der Unglücks-Typ A300-600. Lufthansa will die Untersuchungen der eigenen betroffenen sieben Airbus A300 am Montag abschließen. Die American-Airlines- Maschine hatte am vergangenen Montag 260 Menschen in den Tod gerissen; im Stadtteil Queens kamen vermutlich fünf Menschen ums Leben.

Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA wies die drei Betreiber von A300-600-Maschinen in den USA an, die Leitwerke mit Spiegeln und Vergrößerungsgläsern nach geplatzter Farbe, Veränderungen und Schäden an der Oberfläche zu untersuchen. Außer American Airlines setzen die Transportgesellschaften FedEx und UPS Flugzeuge dieses Typs ein.

Leitwerk besteht aus hunderten Schichten Verbundmaterial

Das Leitwerk der A300-600 besteht aus einem Verbundmaterial aus Grafit und Plastik, in dem Hunderte dünner Schichten übereinander liegen. Die "New York Times" berichtete, dass die Ermittler prüfen wollen, ob sich bei dem verunglückten Flugzeug Schichten gelöst und so die Struktur des für die Stabilität wichtigen Teils geschwächt hätten.

Analyse von Videoaufnahmen

Außer der Struktur des Leitwerks wollen die Ermittler die Bolzen genau inspizieren, die das Seitenruder mit dem Leitwerk und das Leitwerk mit dem Rumpf verbinden. Die Analyse von Videoaufnahmen hatte nach einem Bericht der "New York Daily News" vom Samstag weitere Belege dafür geliefert, dass das 8,2 Meter hohe Seitenleitwerk des Airbus zum Absturz geführt haben dürfte. Es wird in Washington untersucht.

Welle von Inspektionen bei Airbus-Material?

Eine Woche nach dem Absturz eines Airbus A300-600 über New York mit 265 Toten sehen Experten eine Welle von Inspektionen auf die Luftfahrtindustrie zukommen. Erhärtet sich der Verdacht eines Materialdefekts im Seitenleitwerk als Ursache, wären mehrere Flugzeugtypen von Airbus und Boeing betroffen, schrieb die "New York Times" am Montag unter Berufung auf US-Experten.

Ermittler halten es für wahrscheinlich, dass das Verbundmaterial des 8,2 Meter hohen Seitenleitwerks seit der Inbetriebnahme des Flugzeugs eine unentdeckte Schwachstelle hatte. Eine andere Möglichkeit ist, dass die hauchdünnen Schichten des Materials aus Plastik und Grafit erst durch die ständige Belastung anfällig wurden.

Neue Verbundmaterialien

Airbus hatte beim Bau seiner zweiten A300-Serie, zu der auch die Unglücksmaschine gehörte, erstmals großzügig neue Verbundmaterialien benutzt, schrieb die Zeitung. Sie machen die Flugzeuge leichter und transportierten Passagiere sowie Fracht für geringere Kosten. Anfangs tauschte Airbus das ursprüngliche Aluminium nur bei Türen und anderen Teilen aus, die auf die Flugsicherheit keinen Einfluss haben. Erst 1985 wurden die erste A300 mit einem Seitenleitwerk aus dem Verbundmaterial gefertigt.

Inzwischen haben alle Airbus A300- und A310-Typen sowie auch mehrere Boeing-Modelle, ganz besonders Boeing 777, entscheidende Flugzeugteile aus Verbundmaterial, berichtete die "New York Times". Sollten die Experten den verhängnisvollen Absturz tatsächlich auf dieses Material zurückführen, würde dieses Ergebnis wohl zu neuen, umfangreicheren Wartungs- und Inspektionsvorschriften für alle betroffenen Flugzeuge führen, spekulierte die Zeitung.

Der Typ A300-600 ist in der Luftfahrtindustrie als eine Art "Packesel" bekannt. American Airlines setzt ihre Maschinen dieses Typs auf kurz- bis mittellangen Flügen in die Karibik ein, bei denen oft Passagiere mit viel Gepäck befördert werden. (APA/dpa)

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