Studie: Osteuropa - Wachstum nicht gefährdet

15. November 2001, 14:24
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Verhandlungen können in Einzelfragen problematisch werden

Wien - Die Wirtschaft in den meisten mittel- und osteuropäischen Reformländern (MOEL) könnte die derzeitige Krise ohne größeren Schaden für ihr Wachstum überstehen, vorausgesetzt die Weltwirtschaft erholt sich in der zweiten Jahreshälfte 2002, erwartet das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in seiner, am Donnerstag, vorgestellten Prognose. Mit Ausnahme Polen könnten in den meisten MOEL keinerlei Anzeichen für ein spürbare Wachstumsverlangsamung beobachtet werden.

Dieses verhältnismäßig optimistische Szenario basiere auf den jüngsten Wettbewerbsgewinnen in den meisten Ländern sowie der weiterhin robusten Binnennachfrage. Eine länger andauernde Konjunkturschwäche in der EU könnte - je nach Dauer und Tiefe - das Wachstum in Mittel- und Osteuropa allerdings um etwa einen halben bis eineinhalb Prozentpunkte reduzieren. Insgesamt bleibe jedoch die Geschwindigkeit des Aufholprozesses in den Reformländern mit etwa 2 Prozentpunkten pro Jahr auch in den Jahren 2002 und 2003 aufrecht.

Polen stagniert

Getrübt wird die relativ gute Konjunktur lediglich von Polen. Das WIIW erwartet für das kommende Jahr eine Stagnation. Für heuer wird ein Anstieg des Bruttoinlandsproduktes um lediglich 1 Prozent erwartet. Im Juli dieses Jahres hatte das WIIW für das Jahr 2002 in Polen noch eine Wachstumsrate von 4 Prozent prognostiziert, und für 2001 war damals ein BIP-Anstieg von 2 Prozent gesehen worden.

Damit werden auch die Wachstumsprognosen für die MOEL-5 (Tschechien, Ungarn, Slowakei, Slowenien und Polen) deutlich gesenkt. Für 2001 rechnet das WIIW nun mit 2,4 (3,0) Prozent Wachstum, für 2002 nur mehr mit 1,7 (4,1) Prozent. Die Prognosekorrektur sei großteils auf die Entwicklung in Polen zurückzuführen, so das WIIW.

Auch in Ungarn weniger Wachtum erwartet

Weniger Wachstum erwarten die Wirtschaftsforscher für 2001 auch in Ungarn (4,0 nach 4,8 Prozent im Juli). 2002 sollte die ungarische Wirtschaft nach den jetzigen Schätzungen um 3,8 Prozent wachsen, im Juli war man noch von 5,0 Prozent ausgegangen.

Etwas höher als im Sommer erwartet sollte dagegen das Wachstum in Tschechien ausfallen. Prognostiziert wird für 2001 nun ein BIP-Plus von 3,7 (3,5) Prozent. Für 2002 wird eine Wachstumsrate von 3,0 (3,5) Prozent erwartet. Nach wie vor 5 Prozent Wachstum für heuer werden für Russland erwartet, im kommenden Jahr dürften die niedrigeren Energiepreise das Wachstum allerdings auf 3,0 Prozent bremsen.

Arbeitslosigkeit noch hoch

Unter Ausschluss einer Rezession in der EU erwartet das WIIW in Mittel- und Osteuropa für den Zeitraum 2002 bis 2003 ein Durchschnittswachstum zwischen 3 und 4 Prozent, nur etwas weniger als 2000 bis 2001. Ein voraussehbare Änderung der Fiskalpolitik Polens könnte erste im Jahr 2003 eine Änderung herbeiführen. Für 2003 rechnet das WIIW in Polen mit einem BIP-Anstieg um 2,0 Prozent.

Nach wie vor hoch ist die Arbeitslosigkeit in der Region, die in einigen Ländern (etwa Polen, Jugoslawien und Russland) noch steigen wird. Die Inflation ist - ausgenommen Rumänien, Jugoslawien und Russland - einstellig und wird weiter zurückgehen.

Verhandlungen mit MOEL über Regionalpolitik, Landwirtschaft und Finanzen könnten schwierig werden

Die Bedingungen für die Verhandlungen mit den acht mittelosteuropäischen Ländern (MOEL) Ungarn, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Polen, Estland, Lettland und Litauen könnten sich allerdings angesichts der nicht sehr rosigen Situation der Wirtschaft verschlechtern, die Unsicherheit wachse, gab der stellvertretende WIIW-Chef Peter Havlik zu bedenken. Die schwierigsten Kapitel in den Verhandlungen stünden ab Anfang 2002 mit den Kapiteln Regionalpolitik, Landwirtschaft und Finanzen/Budget noch bevor, so Richter. Die Integration der MOEL in die Union werde in drei Stufen erfolgen. Nach dem Beitritt zur Union dürften der Beitritt zum Schengen-Abkommen und die Teilnahme an der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) folgen. Die Fähigkeit, im EU-Wettbewerb bestehen zu können, werde für Malta und Zypern, die vom WIIW allerdings auf Grund des Osteuropa-Schwerpunkts nicht analysiert werden, mit einem Ja beantwortet. In nächster Zeit dürfte dies für Estland, Ungarn, Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Litauen, Lettland und Polen gelten, mittelfristig für Bulgarien. "Nein" heißt es dagegen für Rumänien. (APA)

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