Sorgen ums liebe Trinkgeld

16. November 2001, 12:31
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Gewerkschaft appelliert an Beibehalten der "10-Prozent-Trinkgeld-Regel" - Zahlkellner sollen nur noch Euro und Cent herausgeben

Wien - Die Einführung des Euro mit Jahresbeginn 2002 als gesetzliches Zahlungsmittel dürfte den Beschäftigten in der Gastronomie besonders zu schaffen machen. Auf Grund der Unsicherheit vieler Gäste im Umgang mit den ungewohnten Scheinen und Münzen könnte es zu einem Trinkgeldverlust beim Servierpersonal kommen, befürchtet der Vorsitzende der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe und persönlicher Dienst (HGPD), Rudolf Kaske. Generell werde die Euro-Umstellung für die Zahlkellner zusätzlichen Stress bedeuten, auch bei noch so guter Schulung.

"Bevor ein Gast versehentlich zu viel gibt, wird er nur wenig oder gar kein Trinkgeld geben", sagte der HGPD-Vorsitzende. Er appelliert daher an alle Gäste, wie bisher je nach Zufriedenheitsgrad ein Trinkgeld bis zu 10 Prozent zur Rechnungssumme dazu zulegen. Im Gastgewerbe spiele das Trinkgeld eine besondere Rolle, da das Personal bis zu 30 Prozent weniger verdient als der österreichische Durchschnitt. Auch gerundete Euro-Preise - die wiederum dem Servierpersonal entgegenkommen - könnten die Spendierfreudigkeit der Gäste schmälern, befürchtet Kaske.

Gewöhnungseffekt tritt ein

Weniger besorgt ist der Euro-Beauftragte für Tourismus in der Wirtschaftskammer Österreich, Oswald Bacowsky. Die Höhe des Trinkgeldes werde sich nach wenigen Tagen der Unsicherheit rasch wieder auf den aktuellen Niveaus einpendeln. Auch Helmut Hinterleitner, Vorsteher des Fachverbandes Gastronomie in der Wirtschaftskammer, rechnet relativ bald wieder mit dem üblichen Trinkgeld-Niveau. "Wie bei einer Urlaubsreise tritt nach wenigen Tagen der Gewöhnungseffekt ein", sagte er.

Das Gastgewerbepersonal steht bei der Euro-Umstellung in der Silvesternacht besonders im Rampenlicht. Um Verwirrungen zu vermeiden, befürwortet die Gewerkschaft ebenso wie die Wirtschaftskammer die ausschließliche Geldrückgabe in Euro. Das könnte trotz der bereits erfolgten Bedarfsberechnungen zu vorübergehenden Engpässen führen. Außerdem sei damit zu rechnen, dass manche Gäste das Personal durch die Zahlung mit großen Banknoten auf die Probe stellen könnten.

Notwendige "Doppelbrieftaschen"

Weitere spezifische Probleme der Gastwirtschaft seien die notwendigen "Doppelbrieftaschen" und "Doppelkassen" oder das zusätzliche Gewicht durch die schwereren Euromünzen. Wie die Wirtschaftskammer tritt auch die Gewerkschaft HGPD für eine Wechselgeldrückgabe nur in Euro und Cent ein. Für eine gewisse Entlastung könnte ein erhoffter stärkerer Einsatz von Kreditkarten und anderen bargeldlosen Zahlungsformen ("Euro-Card") sorgen, hofft man in der Branche.

Beim Stand der Vorbereitungen lägen die Gastbetriebe gleich auf mit anderen Unternehmen. Speziell bei kleineren Betrieben gebe es freilich noch Handlungsbedarf. Dass es zu umstellungsbedingten Konkursen in der Gastwirtschaft kommen könnte, schlossen die Befragten aus. (APA)

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