"Die meisten Sexualstraftäter sind ekelhaft normal"

18. November 2001, 19:33
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Über Behandlungsmethoden für Sexualstraftäter und realistische Erwartungshaltungen

Die Frage nach der Effektivität bei der Behandlung von Sexualstraftätern wird vor allem in den Medien und in der Politik immer wieder aufgeworfen. Die aktuelle Ausgabe von "Psychologie Heute" (Dezember 2001) stellt die weitverbreitetsten, aber doch in ihrem Ansatz grundverschiedenen Behandlungsmethoden vor und informiert über beunruhigend hohe Rückfallquoten.

Die Zahl der Rückfälle

Neben Stimmen, die eine „Heilung“ von Sexualstraftätern grundsätzlich in Frage stellen, kommen andere TherapeutInnen, wie z.B. Hans Ludwig Kröber vom Institut für forensische Psychiatrie an der Freien Universität in Berlin, zumindest zu dem Schluss, dass "Therapie im Endeffekt die Sicherheit erhöht". Eine deutsche Untersuchung spricht von einer "Faustregel", nach der 40 bis 50 Prozent der unbehandelten und 30 bis 35 Prozent der therapeutisch behandelten Sexualstraftäter wieder rückfällig werden. Nach Hormonbehandlungen liegt der Anteil der Rückfälligen bei 20 bis 30 Prozent.

Auch TherapeutInnen können nicht eindeutig sagen, was einen Täter von einer Wiederholungstat abhalten könnte. Während die einen es vorziehen, an der Persönlichkeitsstruktur der Täter zu arbeiten (also Kontaktschwierigkeiten, Selbstwertprobleme, Hemmungen usw. behandeln), stellen die anderen die Tat und deren Folgen für die Opfer in den Mittelpunkt der Therapie.

Ruud Bullens, Psychotherapeut und Leiter des ambulanten Büros Jugendwohlfahrt, kommt zu dem Schluss, dass die "meisten Sexualstraftäter ekelhaft normal sind. Das sind nette Väter, Onkel oder Nachbarn, die nicht ’krank’ sind, sondern ein Verbrechen begangen haben". Er ist davon überzeugt, dass die Täter nicht als Opfer behandelt werden sollen, sondern Verantwortung für ihre Tat übernehmen und soziale Fähigkeiten sowie das Einhalten von Grenzen erlernen müssen.

Bei diesem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz steht die Analyse des Delikts im Vordergrund. Der Täter lernt "die für ihn typische Abfolge von Situationen, Gefühlen, Gedanken und Handlungen kennen, die letztendlich dazu führen, dass er wieder ein Delikt begeht, und er erstellt ein darauf abgestimmtes Rückfallpräventionsprogramm", erläutert Uta Kröger von der Dr. Henri van der Hoven Klinik in Utrecht. Die Rückfallquote liegt bei dieser Behandlungsmethode weit unter dem Durchschnitt, allerdings gibt es über diese Behandlungsform auch erst Aufzeichnungen ab den 90ern. Auch bei dieser Therapie ist wohl nur die Reduzierung des Risikos einer Wiederholungstat das vorrangige Ziel. (red)

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