Auf der Spur eines 300 Jahre alten "Mathematikkastens"

16. November 2001, 14:19
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Computer-Vorläufer aus dem 17. Jahrhundert: das "Organum mathematicum"

Innsbruck - Mit einem mehr als 300 Jahre alten "Mathematikkasten", dem so genannten "Organum mathematicum", hat sich Univ.-Prof. Franz Daxecker von der Innsbrucker Augenklinik in seinen historischen Studien beschäftigt. Über dessen Erfinder, den Wissenschafter und Jesuitenpriester Athanasius Kircher (1602-1680), gebe es genügend Literatur, über seine "cista mathematica" sei jedoch kaum etwas bekannt, betonte Daxecker.

Mit Rechenschieber vergleichbar

Die Anwendung des "Mathematikkastens" sei mit einem Rechenschieber vergleichbar. Jeweils 24 Latten sind in neun Fächern mit verschiedenen mathematischen Themen angeordnet, erläuterte der Mediziner ein in Florenz erhaltenes Exemplar. Damit seien Berechnungen aus den Bereichen Arithmetik, Geometrie, Fortifikation (Lehre vom Befestigungsbau), Chronologie (Zeitberechnung), Horographie (Uhrenkunde), Astronomie, Astrologie, Steganographie (Lehre von Geheimschriften) und Musik angestellt worden.

Für Bau von Sonnenuhren bot das Horographie-Fach Anleitungen

So seien beispielsweise mit dem ersten Fach Arithmetik Multiplikationen, Divisionen, Quadratwurzeln oder Kubikwurzeln berechnet worden. Das Fach Fortifikation enthält Anweisungen und Tabellen zum Festungsbau. Anhand von "Vielecken mit Winkeln" seien Wälle, Brustwehre, Gräben oder Wege mathematisch bestimmt worden. Kirchliche Feste, Sonnenzyklen oder Schalttage wurden anhand des Chronologie-Fachs ermittelt, erklärte Daxecker. Für den Bau von Sonnenuhren bot das Horographie-Fach Anleitungen. Die Position von Rom war dabei mit 42 Grad und die von Wien mit 48 Grad bezeichnet worden.

Zur Berechnung der Länge der Tage und Nächte, der Tierkreiszeichen, der Höhe und Neigung der Sonne oder der Dämmerungszeiten habe das Fach Astronomie gedient. Das astrologische Fach beschreibt die Vorauskenntnis oder Vorhersage aus den Sternen, deren Eigenschaft und Bewegung, erklärte Daxecker. Im vorletzten Fach mit der Geheimschriftenkunde habe mit Hilfe eines "Schlüsselsatzes" jeder beliebige Brief in eine andere Sprache chiffriert werden können. Dieser Wissenschaft hätten sich insbesondere Monarchen, Fürsten oder Heerführer bedient. Das neunte und letzte Fach zur Musikkunde enthält Tabellen und Zahlen, die zur Komposition gedient hatten. Noten, Tonart, Modulation oder Notenlänge hätten damit bestimmt werden können.

Fünf Exemplare der "cista mathematica" seien bisher als erhalten bekannt

Fünf Exemplare der "cista mathematica" seien bisher als erhalten bekannt. Das "Organum mathematicum" wurde 1661 von Kircher an Erzherzog Karl Josef nach Wien übersandt. Eine genaue Beschreibung des Mathematikkastens war von seinem Schüler Caspar Schott in lateinischer Sprache angefertigt worden und erschien nach seinem Tod 1668 in Würzburg. In Anlehnung an die Erfindung seines Lehrers hatte Schott eine mechanische Rechenmaschine entwickelt, den so genannten "Schottschen Rechenzylinder".

Im Mai 2002 wird der 400. Geburtstag des Jesuitenpriesters gefeiert (geboren am 2. Mai in Deutschland, in Geisa bei Fulda). In seinen Forschungen hatte sich Kircher mit Natur- und Geisteswissenschaften befasst. Er zeichnete eine der ersten Mondkarten, untersuchte das Blut unter dem Mikroskop und beschäftigte sich neben einer Chinabeschreibung mit Hieroglyphen. (APA)

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