Von Heulbojen und Urhunden

13. Mai 2005, 10:01
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Was dem Alpentouristen der Streichelzoo samt Zicklein und Hase, ist dem Neuseeland-Besucher das Plantschen mit wilden Delphinen. Dabei will auch das Tier unterhalten werden

Die Szenerie erinnert an Mission Impossible oder das verwegene Einsatzkommando der Wildgänse alias Richard Burton, Roger Moore und Hardy Krüger - ein bisschen wenigstens. Der Haufen Touristen, der hier in Kaikoura, auf der neuseeländischen Südinsel in Taucheranzügen im verdunkelten Videoraum auf seinen Sesseln zappelt, bevor er auf seinen "Einsatz" vorbereitet wird, scheint wenig verwegen, aber angespannt. Das jetzt angesagte Schwimmen mit wilden Delphinen ist neben dem Beobachten von Pottwalen die Touristenattraktion des Nests mit einem Schuss Kalifornien.

Das Video, das die Gruppe auf ihr Abenteuer vorbereiten soll, hat Aussetzer, und es ist niemand da, der sich darum kümmern könnte, die Bilder zur Stimme zu suchen. Das wäre besonders gefragt, als das Signal für in Schwierigkeiten geratene Mittaucher akustisch am Video vorexerziert wird.

Wer nicht schwimmen kann? "Ist selber schuld." Ob's hier Haie gibt? "Klar, das ist der Pazifische Ozean", so die flapsigen Antworten vom Betreuer und Beachboy, der im Anschluss an die dubiose Vorführung in Gummistiefeln und Shorts vor den circa 20 Leuten im muffelnden Neopren-Anzug herschlurft, während diese teils euphorisch, teils mit vollen Gummihosen barfuß wie eine Sträflingskolonne durch den Ort zu einem Bus aus dem Jahre Schnee tapsen - für die Bewohner Kaikouras ein gewohnter Anblick.

Die zehnminütige Busfahrt im vergammelten Vehikel, bei der der Fahrer jaulend Maori-Gesänge anstimmt, führt zur südlichen Bucht der Halbinsel, wo sich ganzjährig bis zu 800 Tümmler tummeln und mächtige Pottwale Wasserfontänen gen Himmel prusten. Grund für dieses Gewurl ist das dieserorts schlaraffenlandmäßige Nahrungsaufkommen. Maori des Waitaha-Stammes, die hier bereits um 1450 siedelten, gaben dem Ort den Namen Kaikoura, übersetzt: Hummer-Festmahl.

Nachdem der Kapitän des tuckernden Motorboots einen Schwarm erspäht - er schätzt ihn auf 80 bis 100 Tiere - heftet er sich an ihre Schwanzflossen und gibt das Signal zum Losschnorcheln. Doch niemand rührt sich von der Stelle oder macht auch nur einen Muckser, denn, jawohl, besagtes Video machte auch an betreffender Stelle schlapp. Dusky-Delphine, eine von 45 Delphinarten, wurlen vor dem Bug des Schiffes durch die Wasseroberfläche, die aussieht, als würde sie brodeln. Nicht mehr zu bremsen, schubsen sich die ersten Waghalsigen schließlich doch ins 13 Grad kalte Wasser. Die Tiere schauen mit ihren Knopfaugen in die Gesichter der Gestalten im Taucheranzug. Sie beginnen, den Meeresbesucher in kleinen Gruppen zu umschwimmen, warten darauf, dass er es ihnen gleichtut.

Froschmann wie Froschfrau, in der Regel durch den Schnorchel vor Begeisterung nach Luft schnappend, kapieren die Lektion, ehe die kompakten Tiere, die sich vor sehr, sehr langer Zeit aus dem Urhund entwickelten, tiefer tauchen. Es scheint, als wollten sie ein kleines Wetttauchen veranstalten, bei dem der menschliche Wettkämpfer freilich plump scheitert.

Die Delphine scheinen zu lächeln, auch Ätsch könnte ihr Gesichtsausdruck heißen. Damit sich die Duskys nicht fadisieren, wird empfohlen, Singsang-Geräusche von sich zu geben. Die Tiere scheinen davon tatsächlich angezogen zu sein, wenngleich das, was da an unterschiedlichem Gebrüll, Gesinge und Gejodle aus den Schnorcheln tönt, die Delphinbesucher zu einem ziemlich lächerlichen Haufen Heulbojen degradiert, deren nach oben treibende Popos ihre jeweilige Position besonders stillos markieren.

Nach einer guten Stunde des Drehens und Wendens, Tauchens, Trällerns und Johlens hat sich's ausgeplantscht. Gleichmäßig schneiden die Delphinrücken durchs Wasser davon. Dazwischen werden übermütig Saltos geschlagen. Unter den durchgefrorenen Tauchern macht sich Begeisterung breit. Die Crew, die diese Ausflüge während des ganzen Jahres veranstaltet, reicht heiße Schokolade, und was vorher noch ein beliebiger Haufen öder Touristen war, hat in dieser Stunde enormes Zusammengehörigkeitsbewusstsein entwickelt, schließlich war man gemeinsam in einer anderen Welt.

Auch die Taucheranzüge wirken jetzt nicht mehr so befremdlich, bis sie in einen überschäumenden Bottich getunkt werden, um für die nächste Gruppe nervöser Landratten bereit zu sein. Die wartet schon und macht große Augen, als die zurückgekehrten Abenteurer mit triumphierenden Mienen aus der Dusche steigen, um im angeschlossenen Souvenirshop noch ein paar T-Shirts oder Kristallglasdelphine zu kaufen. Auf die gibt's nach absolviertem Tauchgang zehn Prozent. Das beste Souvenir bleibt jedoch, kurz die Augen zu schließen und in der Erinnerung in die Welt der wilden Delphine einzutauchen, in dieses riesige, friedliche Blau, wo man fest dran glaubt, Flipper sei froh.


Der Standard/RONDO/16/11/2001

Von Michael Hausenblas


Infos:
www.kaikoura.co.nz und www.dolphin.co.nz
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