Tricaffè numero tre

19. November 2001, 21:00
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Von der Melange zum Espresso: Das Café Kammerspiele wurde zum "è tricaffè"

Das Wesen des Erfolges ist seine Unberechenbarkeit. Und ein gutes Beispiel dafür ist die so genannte "è group", eine Gruppe von italienischen Millionären, deren Freude an gutem Kaffee sich dahingehend äußerte, dass sie vor ein paar Jahren eine kleine Rösterei in der Toskana erwarben und um diese herum eine Kette von coolen Cafés strickten. Den Testballon eines ersten "è tricaffè" mit gehobenem gastronomischen Anspruch startete man vor fünf Jahren in Wien mit Reinhard Reitermeier, der zuvor schon eine Armada von "Segafredo"-Espressi erfolgreich ins Rennen geschickt hatte. Das Restaurant wurde trotz wechselnder Küchenlinien ein Renner, weshalb Reitermeier sich rasch daran machte, das Konzept zu vervielfältigen: In Deutschland laufen mittlerweile schon drei "tricaffès" unter seiner Leitung, in Warschau auch eines, weitere Standorte werden gerade geprüft.

Einer, der die Prüfung schon hinter sich hat, ist das ehemalige "Café Kammerspiele" in der Wiener Rotenturmstraße: Auf zwei Stockwerken richtete Architekt Michael Schluder ein zeitlos cooles Lokal mit dem Charme norditalienischer Bahnhofs-Espressi ein. Die Tischchen im Café wurden übrigens aus der früheren Fassadenverkleidung des Hauses gefertigt.

Für die Gestaltung eines zeitgemäßen Küchenkonzeptes holte man sich Peter Neurath, und was der junge Mann da kocht, geht über die klassische Küche Italiens doch ein wenig hinaus: Der marinierte Octopus mit Rosmarin-Ciabatta war nicht nur beispielhaft zart, sondern auch überaus köstlich (öS 105 / EURO 7,69), und die gemischten Antipasti erwiesen sich nicht als das altbekannte Defilee öder Konserven, sondern als Kombination von gebratenem Gemüses mit Spinat, Mozzarella, sehr feinem Meeresfrüchtesalat und einem zumindest von der Idee her guten Risotto mit marinierten Kürbissen (öS 85 / EURO 6,18). Die erste Geige im neuen "tricaffè" spielt aber die Pasta, und zwar fernab fader Klischees. Die "schwarzen Mezzalune" - große Ravioli mit Forellen-Krebsen-Füllung, Flusskrebschen und einer knallorangen Kürbissauce (öS 135 / EURO 9,81) überspannten den kreativen Bogen vielleicht etwas, die überbackenen Cannelloni mit würziger Lammfülle und Mangold (öS 155 / EURO 11,26) waren aber schon recht gut, und die Pansotti mit Kastanien-Thymian-Fülle und einem Landhenderl-Apfel-Ragout überhaupt hervorragend (öS 115 / EURO 8,36).

Von fast allen Pastagerichten gibt's kleine Portionen, 150 Weine der Topkategorie netzen dazu passend den Gaumen. Auch wenn man's kaum glauben mag, aber: Italiener dieses Kalibers kann Wien immer noch brauchen.

der Standard/rondo/16/11/01

von Florian Holzer
è tricaffè, Rotenturmstr. 25, Tel.: 01 / 533 89 90,
Mo-Sa 10-2, So 10-24 Uhr.
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