Vereint im Kampf gegen enorme Gefahren

14. November 2001, 20:41
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Der amerikanische Einschätzungswandel über Russlands weltpolitische Rolle birgt neue Chancen

Wien - "Eine gute Sache, die aus einer bösen resultiert", nannte der US-Sicherheitsexperte Gregory Treverton unlängst das russisch-amerikanische Tauwetter nach dem 11. September im Gespräch mit dem STANDARD. Wenn die Ansichten, die die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice zuvor über Russland publiziert hatte, typisch waren, dann schien sich in der Regierung Bush die Einschätzung verfestigt zu haben, dass Russlands Rolle in der Weltordnung nach dem Kalten Krieg nur noch von nachgeordneter Bedeutung sei. Die Ereignisse der letzten Wochen haben das ihre getan, diese Einschätzung zu korrigieren.

Und das zu Recht: Ohne Mitwirkung der Russen, auf deren Staatsgebiet fast 6000 Nuklearsprengköpfe gelagert sind, ist eine Weltordnung, die diesen Namen verdient, nicht zu haben. Wie notwendig eine russisch-amerikanische Kooperation in Sicherheitsfragen ist, wird daraus ersichtlich, dass diese beiden Staaten gemeinsam über "99 Prozent aller Massenvernichtungswaffen weltweit" verfügen (so Graham Ellison, ein Experte für nukleare Abrüstung, im Economist).

Eben erst am Dienstag wurde bekannt, dass der russische Geheimdienst den Versuch eines illegalen Weiterverkaufs von Nuklearmaterial vereitelt haben soll: Zwei Männer wurden im westsibirischen Swerdlowsk verhaftet, als sie drei Container mit radioaktivem Kobalt-60 zum Verkauf anboten. Tonnen von biologischen und chemischen Kampfstoffen lagern teils unter mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen auf russischem Gebiet. Und die Zehntausenden Biologen, die in der UdSSR in der Produktion waffenfähiger Bakterien und Viren tätig waren, bieten ein gefährliches Rekrutierungsreservoir für aufrüstungswillige Schurkenstaaten.

Die Einigung auf eine Reduktion der Nuklearwaffen kommt den Amerikanern entgegen, weil so die gemeinsamen russisch-amerikanischen Bemühungen, die Lagerstätten auf dem Gebiet der Ex-UdSSR zu überwachen, wesentlich fokussiert werden können. Zudem wird es die neue Detente der Bush-Regierung erlauben, eines ihrer sicherheitspolitischen Lieblingsprojekte weiter zu verfolgen: das Raketenabwehrschild Missile Defense (MD; das früher vorangestellte ,National' wurde weggestrichen, um nicht den Eindruck amerikanischen Eigennutzes zu erwecken).

Zu einer detaillierten Einigung auf diesem Gebiet ist es noch nicht gekommen. Aber Putin hat angedeutet, dass man über MD wohl verhandeln könne, wenn der ABM-Vertrag in Kraft bleibt. Angesichts des Willens zum gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus müsste sich auf Bushs Farm in Texas wohl ein Weg finden lassen, diesem Ziel näher zu kommen.

Freilich: Selbst wenn der politische Widerstand von außen gegen das MD abschwächen sollte, ist noch nicht klar, wie sich die Attentate des 11. September auf dieses Projekt in den USA selbst auswirken werden. Wenn sich der Pulverdampf der militärischen Auseinandersetzung verzieht, wird die Debatte zwischen zwei widerstreitenden MD-Denkschulen wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken: Die eine meint, dass die Attentate nur ein Vorbote eines potenziellen Angriffs mit Interkontinentalraketen sein könnten und dass daher mit allen Mitteln auch gegen diese Bedrohung gerüstet werden müsse: Auf sicherheitspolitischem Gebiet dürfe es keinen Rabatt geben.

Eine andere Denkschule spricht sich dafür aus, die zur Verfügung stehenden Mittel nicht in ein unerprobtes Hightech-Projekt zu verpulvern, sondern vielmehr auf konventionellere Abwehrmaßnahmen zu setzen. Für diese Haltung spricht, dass in letzter Zeit neue Zweifel (siehe Grafik) an der Machbarkeit eines lückenlosen Abwehrsystems laut geworden sind.

(DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2001)
von Christoph Winder
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