Die lange Karriere endet im Budgetchaos

14. November 2001, 17:36
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Letzte Periode des Grazer SP-Bürgermeisters Alfred Stingl überschattet

Graz - Ob er sich so seinen politischen Abschied vorgestellt hat? Die lange Karriere des Grazer SP-Bürgermeisters Alfred Stingl scheint nach 16 Jahren im Budgetdesaster seiner Stadt unterzugehen. Und mit ihr eine rare Art, Politik zu leben, die auch bei starkem Gegenwind von tiefen ethischen Überzeugungen getragen ist. Für Stingl ist Politik - unter anderem auch - gelebter Humanismus. Der hagere, aber drahtige Bürgermeister stellte sich stets stur und solidarisch vor die Minderheiten seiner Stadt.

Für dieses Engagement hat Stingl kaum Spielraum. Die Stadt hat sich - durch weniger Einnahmen, die Nulldefizit- Vorgabe des Bundes, aber auch mit teuren Kulturbauten - komplett verschuldet. Stingl muss mit seinem VP-Finanzstadtrat Siegfried Nagl nun retten, was noch zu retten ist, und dabei belastet ihn eine alte Entscheidung zusätzlich.

Stingl hatte den Parteivorsitz nach der letzten Wahl abgegeben. Das rächt sich. Denn er hat in diesen schweren Zeiten seine Partei nicht mehr hinter sich. Stingl braucht aber ein Budget, damit der Stadt Neuwahlen im nächsten Jahr erspart bleiben. Und ihm ein vorzeitiger Abgang. Denn er will in jeden Fall die Krönung seiner kommunalen Karriere, die Adelung von Graz als Europäische Kulturhauptstadt 2003, als Stadtchef miterleben.

Auf der anderen Seite braucht der neue SP-Chef Walter Ferk rasch ein Profil, und das versucht er jetzt im Streit um das Budget zu schärfen, indem er sich kompromisslos gegen alle Privatisierungspläne von Nagl und Stingl stellt. Auch wenn Stingl nochmal durchtaucht: Für einen glanzvollen Abschied scheint es zu spät. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. November 2001)

Von Walter Müller
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