Die Bedeutung des Standorts Österreich

14. November 2001, 14:44
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Wien - Größere Patientengruppen, schnellere Abwicklung, exaktere Daten - das sind die Kriterien in der Arzneimittelforschung am Menschen. "Österreich ist hier ein bedeutender Wissenschaftsstandort. Wir investieren hier in die klinische Forschung derzeit rund 77,1 Mill. Schilling pro Jahr", erklärte am Mittwoch Dr. Klaus Fischer, Leiter der medizinisch-wissenschaftlichen Abteilung des Pharmakonzerns Aventis bei einem Pressegespräch.

"Nur eine von 5.000 untersuchten Substanzen ist erfolgreich. Wir beginnen mit dem Test von 5.000 bis 30.000 Substanzen, um zehn bis 15 Jahre später die Zulassung für ein neues Arzneimittel zu erhalten. Weil das so lange dauert, versuchen wir, die Entwicklungszeit auf sechs bis neun Jahr zu verringern", erklärte Fischer.

Kooperation

Von der Erprobung potenzieller neuer Arzneimittel an gesunden Probanden (Phase I) bis zur groß angelegten Wirksamkeitsstudie (Phase III) kommt es hier zu einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Medizin und Industrie. Moderne klinische Forschung erfolgt dabei in einem engen Korsett von "unbestechlichen" Qualitätsansprüchen samt unabhängiger Berater- und Kontrollgremien.

Aventis hatte im Jahr 2000 einen Pharma-Marktanteil in Österreich von sechs Prozent, 6,4 Prozent des Umsatzes wurden in die klinische Forschung investiert. Derzeit laufen beispielsweise 15 Studien im Bereich der Onkologie und zehn auf dem Gebiet der Diabetologie.

Die klinische Forschung bringt dabei für die beteiligten Patienten den besten und den schnellsten Zugang zu möglichen neuen Therapien samt - mindestens - die optimale herkömmliche Behandlung. Univ.-Prof. Dr. Raimund Jakesz, Präsident der österreichischen Studiengruppe für Studien bei Brust- und Dickdarmkrebs: "30 Prozent aller Brustkrebspatientinnen werden in Österreich in klinische Studien aufgenommen. In Deutschland sind es zwei Prozent. Wir sind einsam führend auf diesem Gebiet."

Die Folge

Ein Effekt für die betroffenen Frauen: Während in den USA beispielsweise nur 30 Prozent der Patientinnen brusterhaltend operiert werden, sind es in Österreich rund 70 Prozent. Auch hier ist die Alpenrepublik - durch die gesicherten Daten aus den Studien - Weltspitze. Neue Projekte: Derzeit befindet sich bei Brustkrebs-Patientinnen eine Langzeitstudie in der Endauswertung, die zeigen dürfte, dass Betroffene auch länger als fünf Jahre behandelt werden sollten. Das gilt insbesondere für Hormontherapien und die Behandlung mit "Biologicals" (Antikörper, Biotech-Substanzen etc.).

Jakesz: "Es zeigt sich, dass bei Brustkrebs die Rückfallsraten nach zehn oder 15 Jahren genau so groß ist wie in den ersten fünf Jahren." Hier muss sich die Medizin noch etwas einfallen lassen.

Warten auf inhalierbares Insulin

Auf dem Gebiet der Diabetologie sind ebenfalls große Fortschritte zu erwarten. Zum Teil sind daran auch österreichische Fachleute beteiligt. Univ.-Prof. Dr. Guntram Schernthaner, Präsident der Österreichischen Diabetes-Gesellschaft: "Mit dem neuen Glargin-Insulin von 'Aventis' kommen wir einer optimalen Diabetes-Einstellung wesentlich näher. Dieses Langzeit-Insulin muss man nur noch ein Mal pro Tag spritzen, egal wann."

Der immense Vorteil: Mit dem Glargin-Insulin ist die Basisversorgung des Patienten - exklusive der Mahlzeiten - mit dem Stoffwechselenzym immer gleichmäßig garantiert. Das führt auch zu einer drastisch geringeren Hypoglykämie-Rate ("Unterzuckerung"). Die Häufigkeit solcher potenziell lebensgefährlicher Zwischenfälle reduzierte sich unter Verwendung des neuen Insulins von 40 auf rund 20 Prozent, die Häufigkeit der nächtlichen Hypoglykämien wurde sogar auf ein Drittel gesenkt. Sie können besonders gefährlich sein, weil sie vom Betroffenen nicht bemerkt werden.

Noch etwas warten müssen die Diabetiker auf inhalierbares Insulin, das von Aventis entwickelt und ebenfalls in Österreich getestet wird. Schernthaner: "Ich schätze, das wird noch rund fünf Jahre dauern." Der Grund dafür: Die Inhalations-Geräte sind noch nicht optimal praxistauglich, 90 Prozent des inhalierten Insulins geht verloren - und schließlich muss man auf die Ergebnisse von Langzeit-Tests warten. (APA)

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